Schule+Familie, 10.10.2007, Nr. 04/07, S. 31
Viele Politiker halten eisern am dreigliedrigen Schulsystem fest, während die meisten Bildungsexperten andere Konzepte favorisieren. Woran liegt das?
Die Tendenz, an Althergebrachtem festzuhalten, ist groß. Zumal das Gymnasium zu Recht einen guten Ruf hat: Wer da hinkommt, hat beste Chancen. Deshalb hat das gegliederte System starke Verfechter – unter den Eltern, deren Kinder dort sind, und unter den Lehrerverbänden dieser Schulart. Wenn man aber nicht nur das Interesse Einzelner im Blick hat, sondern sich fragt, was die Gesellschaft insgesamt braucht, kommt man schnell zu anderen Ergebnissen.
Ist das dreigliedrige Schulsystem noch zeltgemäß?
In der heutigen Form nicht. Eine so frühe Aufteilung im Alter von 9 bis 10 Jahren gibt es sonst nur noch in Österreich. Die überwältigende Mehrheit der entwickelten Länder - Frankreich, Dänemark, die USA - unterrichtet Kinder bis 15 oder 16 Jahre in einer einheitlichen Schulart. Andere europäische Länder, die zunächst auch eine frühe Aufteilung hatten - Schweden, Finnland, England -, sind den Weg zur Gemeinschaftsschule schon in den 1960er- oder 1970er-Jahren gegangen.
Was sind die gravierendsten Mängel?
Das Schlimmste ist die frühe Aufteilung. Sie verbaut vielen klugen Kindern aus bildungsfernen Schichten den Weg in anspruchsvolle Schulen. Nur ein Drittel der Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss besucht die gymnasiale Oberstufe - haben die Eltern einen Hochschulabschluss sind es über 8O Prozent! Das hat nicht nur mit unterschiedlichen Potenzialen zu tun; daran ist vor allem das selektive System schuld. Nationale wie internationale Untersuchungen belegen: Je früher das Bildungssystem Kinder In verschiedene Schularten aufteilt, desto stärker hängt der Bildungserfolg vom familiären Hintergrund ab.
Befürworter des dreigliedrigen Systems halten die individuelle Förderung ausschlaggebend für bessere Leistungen. Lässt sich das System soweit reformieren, dass es heutigen Bildungsansprüchen genügt?
Es stimmt schlichtweg nicht, dass selektivere Systeme systematisch bessere Leistungen erzielen würden. Der höheren Ungleichheit steht kein höheres Leistungsniveau gegenüber. Solange wir bei der frühen Aufteilung bleiben, werden wir die Chancengleichheit nicht wesentlich erhöhen. Nicht von ungefähr hat PISA gezeigt, dass Deutschland weltweit Spitzenreiter ist, wenn es um die Ungleichheit der Bildungsleistungen und ihre Abhängigkeit vom familiären Hintergrund geht. Natürlich ist individuelle Förderung wichtig - aber die lässt sich in einem weniger selektiven System besser leisten.
Heutige Gesamtschulen sind für Sie keine Alternative. Was kritisieren Sie genau?
Weil Gesamtschulen hierzulande als zusätzliche Schulform neben die anderen getreten sind, haben sie es auch nicht geschafft, die Ungleichheit zu verringern. Dazu kommt, dass die Einführung von Gesamtschulen oft mit einer gewissen Leistungsverweigerung einhergegangen ist.
Wie sieht ihre Schule der Zukunft aus?
Die Schüler würden ein paar Jahre länger zusammen lernen, danach gäbe es nur zwei Schulformen. Außerdem würden vorschulische Bildungseinrichtungen allen Kindern schon vor der Schule spielerisch den Spaß am Hinzulernen vermitteln. Bildungserfolge würden regelmäßig extern überprüft. Gleichzeitig bekämen die Schulen wesentlich mehr Selbstständigkeit, einen eigenen Weg zu finden.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: