VDI Nachrichten, 30.04.2009, Nr. 18, S. 2
Konjunktur: Deutschland wird die Rezession nach Berechnungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute frühestens Mitte 2010 überwinden. Für 2009 erwarten sie einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6 % und einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Fragen an Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts und einer der Autoren des Gutachtens. VDI nachrichten, Düsseldorf, 30.4. 09, ps
VDI nachrichten: Herr Carstensen, Sie haben in der vergangenen Woche das Frühjahrsgutachten acht wirtschaftswissenschaftlicher Institute vorgestellt. Ist die konjunkturelle Talsohle bald erreicht?
Carstensen: Wir gehen in unserer Prognose davon aus, dass der stärkste Einbruch des Wirtschaftswachstums bereits hinter uns liegt und im vierten Quartal vergangenen Jahres sowie im ersten Quartal 2009 stattfand. Im zweiten Quartal werden wir nur noch ein geringes Minus haben.
Und damit wäre die Talsohle erreicht?
Für das dritte Quartal 2009 gehen wir davon aus, dass wir sogar ein leichtes Wachstumsplus sehen. Der Grund: Die konjunkturellen Maßnahmen werden helfen. Zudem werden wir eine außerplanmäßig hohe Rentenanpassung bekommen, die bereits beschlossen ist. Das wird den privaten Konsum vorübergehend stützen.
Die leichte Belebung wird bis zum Jahresende Bestand haben?
Wir erwarten, dass sich im viertewn Quartal die Arbeitslosenzahlen erhöhen. Das wird sich im privaten Konsumvertrauen negativ nierderschlagen und zu einer Kürzung der Konsumausgaben führen. Dieser Konsumswing dürfte das gesamtwirt- schaftliche Wachstum im vierten Quartal wieder ins Minus drehen. Wir gehen davon aus, dass sich erst 2010 eine langsame Wachstumsbelebung einstellt. Das konjunkturelle Niveau des Jahres 2008 werden wir erst 2013 erreichen.
Das ist eine lange Durststrecke. Haben Sie kein Vertrauen in die beiden Konjunkturpakete der Regierung?
Der Absturz ist mit 6 %t dramatisch. Auch im Jahresdurchschnitt 2010 wird es noch leicht abwärts gehen. Wenn dies ab 2011 bis 2013 wieder aufgeholt wird, dann bedeutet das drei Jahre lang ein Wachstum von über 2 %. Gemessen an der Vergangenheit sind das sehr gute Wachstumsraten.
Erschreckend ist aber der prognostizierte Anstieg der Arbeitslosigkeit, die Ende 2010 bei ca. 5 Mio. liegen soll. Ist die jetzt vermehrt genutzte Kurzarbeit nur ein Rettungsanker bis zur Bundestagswahl im September?
Das Problem sehen wir auch. Man diskutiert ja jetzt, die Kurzarbeit von 18 auf 24 Monate zu verlängern und gleichzeitig die Arbeitgeber ganz von den Kosten zu befreien. Gelingt letzteres, dann könnte ich mir vorstellen, dass die Arbeitgeber davon Gebrauch machen werden. Gerade Facharbeiter sind nach wie vor gesucht und diese so ans Unternehmen zu binden, könnte von Vorteil sein.
Aber der Grat zwischen Kurzarbeit und Subventionierung ist schmal?
Richtig, nicht immer ist durchschaubar ob es sich um konjunkturbedingte Kurzarbeit handelt oder ob bereits eine Subventionierung vorliegt. Gelingt es einem Unternehmen nicht, sich binnen 18 Monaten zu stabilisieren, dann ist es sehr fraglich, ob man die Beschäftigung noch weitere sechs Monate künstlich hochhalten sollte.
Dennoch macht die Kurzarbeiterregelung grundsätzlich viel Sinn, weil sonst Kosten der Arbeitsvermittlung und des Arbeitslosseins entstehen würden, die ja auch gesamtgesellschaftlich getragen werden müssten. Aber das Instrument sollte nicht zu sehr ausgereizt werden, sonst führt die Entwicklung in die falsche Richtung.
Der Abschwung ist in Deutschland auch deshalb so heftig, weil wir weit mehr als andere Länder vom Export abhängen. Haben wir uns zu sehr von den Ausfuhren abhängig gemacht?
Zu sehr sicherlich nicht. Aber wir sind abhängig von unseren Exporten. Und wir haben uns auf sehr konjunkturreagible Warengruppen spezialisiert. Investitionen sind viel konjunkturvolatiler als Konsumausgaben. Das ist grundsätzlich nicht besonders problematisch. Im Gegenteil, Deutschland hat eine Spezialisierungsnische in der Weltwirtschaft gefunden und ist dort hochgradig erfolgreich. Es macht keinen Sinn – womöglich politisch diktiert – andere Nischen zu suchen. Politisch diktierte Marktnischen funktionieren sehr selten.
Ist die Politik in der gegenwärtigen Krise nicht zu schnell mit Hilfen bei der Hand?
Die Schwere der Krise war von niemandem vorhersehbar. Wir haben gleichzeitig eine Wirtschaftskrise und eine Finanzkrise. Das ist für die Bundesrepublik ein Novum. Zudem ist die gesamte Weltwirtschaft synchron erfasst worden es gab keine Möglichkeiten für die Exporteure, auf andere Märkte auszuweichen. Ich bin zwar kein Freund von Konjunkturprogrammen, aber in diesem Fall glaube ich, es macht es durchaus Sinn, dass die Regierungen weltweit mit konjunkturstimulierenden Maßnahmen eingegriffen haben.
Wann können wir wieder mit einer Belebung der Exporte rechnen und welche Wirtschaftsregionen dürften sich als erste erholen?
Wir gehen davon aus, dass sich die Exporte bereits gegen Ende des Jahres leicht erholen werden. Deutlicher aufwärts gehen wird es Ende 2010. Nicht alle Länder sind so schwer betroffen wie Deutschland.
Vor allem aber können wir frühzeitig mit Ländern außerhalb des Euroraums, rechnen. Dazu zählen die Opec-Staaten, Südost-Asien, vor allem aber China und Indien, deren Volkswirtschaften auch derzeit wachsen.
Die USA stehen dagegen vor enormen hausgemachten Problemen. Wir rechnen dort – aufgrund der getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen – mit einer Belebung im Jahresverlauf 2010. Allerdings befürchten wir in den USA ein Strohfeuer: Die strukturellen Probleme des Landes – geringe Spartätigkeit, hoher Konsum und damit einhergehend eine enorme Auslandsverschuldung – sind nach wie vor ungelöst.
Wäre es nicht notwendig, die deutsche Binnenwirtschaft zu stärken? In Zeiten schwacher Exporte fehlt doch ein wirksames Gegengewicht.
Das wurde hingenommen. Deutschland hat sich im letzten Aufschwung saniert: Die Unternehmen haben sich besser aufgestellt, auch die privaten Haushalte haben ihre Verschuldung zurückgefahren – ebenfalls der Staat, der deshalb bei den Bürgern kräftig zugelangt hat. Stichwort: Mehrwertsteuererhöhung. Das ging natürlich zu Lasten des Konsums.
Sie lehnen also weitere Konjunkturprogramme ab und hoffen auf Multiplikatoreffekte?
Mit der Hoffnung auf Multiplikatoreffekte bin ich vorsichtig. Und mit Blick auf ein dritten Konjunkturpaket sollte man zunächst abwarten. Wir wissen einfach nicht, wie lange es dauern wird, bis die Investitionsprogramme durch die Kommunen umgesetzt sind und welche zusätzlichen Effekte letztlich erzielt werden. Viele Kommunen sparen. Das bedeutet, dass die Wirkungen der Konjunkturpakete durch Kürzungen, die an anderer Stelle vorgenommen werden, teilweise konterkariert werden könnten.
Aber sollte die Bundesregierung nicht schon etwas in der Schublade haben, um rasch reagieren zu können, falls die laufenden Programme nicht die erhoffte Wirkung zeitigen?
Wenn wir nicht vor einer Bundestagswahl stünden würde ich mit Ja antworten. Jetzt werden bei jedem Programm möglicherweise Wählerschichten und -Klientel bedient, was die Zielrichtung – ökonomisch betrachtet – nicht unbedingt sinnvoll beeinflussen muss.
Die CSU will festschreiben, dass nach dem Ende der Krise ein Drittel des wirtschaftlichen Wachstums für Steuersenkungen Verwendung findet. Gedacht ist vor allem an die so genannte kalte Progression. Ist das sinnvoll?
Absolut. Die kalte Progression ist ein Unding. Sie bedeutet ja, dass Jemand mehr Steuern zahlt, obwohl seine reale Leistungsfähigkeit nicht gestiegen ist, sondern nur sein nominaler Lohn. Allerdings bin ich sehr dafür, dann auch zu sagen, an welcher Stelle die Staatsausgaben weniger stark steigen sollen.
In puncto Wirtschaftswachstum trug Deutschland lange Zeit unter den Industrienationen die rote Laterne. Vorübergehend verbesserte sich die Situation, aber jetzt bilden wir zusammen mit Japan wieder das Schlusslicht. Deutet das nicht auf immer noch vorhandene strukturelle Probleme hin?
Vor dem letzten Aufschwung haben wir eine Reihe von Problemen angepackt. Stichwort: Agenda 2010, die Reformen am Arbeitsmarkt. Geholfen hat der deutschen Wirtschaft aber auch die Lohnzurückhaltung. Wir waren damals alle sehr positiv ge- stimmt. Jetzt geht es in die andere Richtung. Das liegt aber nicht so sehr an ungenügenden strukturellen Reformen, sondern am Nachfrageausfall – aus Gründen, die im Inland niemand zu verantworten hat.
Ich bin daher auf längere Sicht zuversichtlich und glaube, dass Deutschland sehr wettbewerbsfähig bleiben und seine Marktanteile ausbauen kann, wenn am Konsolidierungskurs festgehalten wird. Nur, die weltwirtschaftliche Krise wird eben länger dauern. Dagegen kann man mit Investitionsgütern nun mal nicht anwachsen.
Interview: Dieter W. Heumann
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