Süddeutsche Zeitung, 25./26.10.2008, Nr. 249, S. 52
Kurz vor Kanzlerin Merkels Bildungsgipfel veröffentlichte das Münchner Ifo-lnstitut eine Studie über die Auswirkungen des Wettbewerbs zwischen privaten und öffentlichen Schulen. Die Erkenntnis: Die Schulen brauchen nicht mehr Geld, sondern Wettbewerb. Die SZ sprach mit dem Autor der Studie und Professor für Bildungsökonomie, Ludger Wößmann.
SZ: Herr Wößmann, als einziges greifbares Ergebnis fordert der Bildungsgipfel, die Ausgaben für Forschung und Bildung auf zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts anzuheben. Doch laut Ihrer Studie krankt die Bildung nicht am Geld. Wößmann: Das stimmt. Mehr Geld würde nur an der Oberfläche eines reformbedürftigen Schulsystems kratzen.
SZ: Was schlagen Sie stattdessen vor? Wößmann: In unserer Studie für die OECD haben wir herausgefunden, dass in Ländern, wo es mehr private Schulen gibt, auch in den öffentlichen Schulen höhere Leistungen erbracht werden.
SZ: Und woran liegt das? Wößmann: Wo es Alternativen gibt, müssen sich die staatlichen Schulen anstrengen, dass ihnen nicht die Schüler weglaufen. Das setzt sie unter Druck und verbessert das staatliche Angebot.
SZ: Dann müssten die Münchner Schüler ja einen hohen Standart genießen, denn in Deutschland liegt München mit seiner Privatschulenquote weit vorne. Wößmann:Für die Mittelstufe liegt der Anteil der Privatschulen in Bayern mit 12,8 Prozent deutlich über den 7,9 Prozent Bundesdurchschnitt. Es ist interessant, dass Bayern auch bei der Pisa-Studie den ersten Rang belegt hat. Dennoch sind wir weit entfernt von Ländern wie Holland, Belgien oder Irland, wo der Anteil bei mehr als 60 Prozent liegt.
SZ: Aber sind denn die staatlichen Schulen wirklich so viel schlechter? Wößmann: Andersherum. Ob die Privatschulen besser sind, kann man nur schwer feststellen. Denn wenn im Münchner Lehel jemand sein Kind auf eine Privatschule schickt, sind das meistens Eltern, die ohnehin mehr Geld und Zeit in Bildung investieren. Die Schulen sind also schwer zu vergleichen, denn das Umfeld der Schüler spielt eine Rolle, die man nur schlecht rausrechnen kann.
SZ: Wettbewerb tut also gut, und Geld allein löst keine Probleme. Aber was hilft das den 263 öffentlichen Münchner Schulen? Soll man die etwa privatisieren? Wößmann: Nein. Es geht um den Wettbewerb: Wenn in München eine neue Schule entsteht, muss sie sich drei Jahre selbst finanzieren, bevor sie eine Teilfinanzierung von staatlicher Seite bekommt. Deshalb ist sie dazu gezwungen, Gebühren zu erheben, die sich viele nicht leisten können. Der Staat müsste für die finanzielle Grundversorgung aller Schulen aufkommen - auch der privaten. Davon würden die Schüler profitieren, die sich jetzt keine Privatschule leisten können und deshalb benachteiligt sind.
SZ: Also doch mehr Geld. Wößmann: Nicht wirklich. Langfristig könnte die Rechnung mit Null aufgehen. Was der Staat bei den Privatschulen ausgäbe, würde er an anderen Schulen einsparen. In Holland funktioniert das System genau so, und dort besuchen drei Viertel der Schüler Privatschulen. Aber die öffentlichen Schulen brauchten auch mehr Autonomie, damit sie sich im Wettbewerb bewegen könnten.
SZ: Kehren wir nach München zurück. Ohne den Eltern allzu nahe treten zu wollen: Glauben Sie, dass eine Privatschule begeistert wäre, wenn sie sich für Viertel der Landeshauptstadt öffnen müsste, die im Ruf sozialer Brennpunkte stehen? Wößmann: Natürlich gibt es Schulen, die davon leben, dass sie sich über ihre Gebühren von anderen abheben. Aber das ist nicht repräsentativ. Gerade die kirchlichen Schulträger haben mir gesagt, dass sie, wenn sie eine Vollfinanzierung bekämen, liebend gerne in Brennpunkte hineingehen würden. Da geht es auch um Neueröffnungen. Und wir reden hier nicht nur von Gymnasien.
Interview: Lukas Fritsch
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