Süddeutsche Zeitung, 18.06.2010, S. 18
Für junge Leute aus bildungsfernen Familien ist es schwer, einen Job zu finden; oft haben sie gar keine Ausbildung. Ludger Wößmann befürwortet deshalb eine Kindergartenpflicht, damit die Startchancen aller schon früh angeglichen werden.
SZ:Herr Professor Wößmann, sind die Startchancen junger Leute heute schlechter als die ihrer Eltern?
Wößmann: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Einerseits ist die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt weit höher als vor einer Generation. Andererseits gilt das vor allem für Menschen ohne Ausbildung. Wir sollten nicht schwarzmalen: Die Startchancen sind für gut Ausgebildete nicht schlechter, sondern nur für junge Leute ohne gute Ausbildung.
SZ:Wie kann man deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern?
Wößmann: Der Königsweg wäre sicherzustellen, dass alle eine gute Bildung erhalten. Es liegt gewiss in den allermeisten Fällen nicht daran, dass die Kinder und Jugendlichen dazu nicht in der Lage wären, sondern daran, dass unser Bildungssystem das nicht leistet.
SZ:Inwiefern?
Wößmann: Das beginnt schon vor der Schule und gilt besonders im Schulsystem. Wenn die jungen Leute die Schule mit guten Basiskompetenzen verlassen, dann finden sie auch einen Ausbildungsplatz, der ihnen gute Chancen eröffnet.
SZ:Müssten die Hartz-Reformen zurückgenommen werden, die befristete Arbeitsverträge und Zeitarbeit begünstigen, weshalb junge Menschen oft in solchen unsicheren Arbeitsverhältnissen stecken bleiben?
Wößmann: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Sicherlich kann man heute nicht mehr einfach davon ausgehen, dass man bis zum Ende des Arbeitslebens eine sichere Stelle beim gleichen Arbeitgeber hat. Dazu mögen befristete Arbeitsverhältnisse ein wenig beigetragen haben. Dabei darf man die andere Seite der Medaille nicht übersehen: Die befristeten Arbeitsverhältnisse haben viele Arbeitsplätze geschaffen, die ohne sie nie entstanden wären.
SZ: Nach dem Motto: Besser ein unsicherer Job als gar keine Arbeit?
Wößmann: Natürlich müssen junge Menschen nach ein paar Jahren Erprobung auch Arbeitsplatzsicherheit haben, um etwa mit gutem Gefühl ihre Familienplanung anzugehen. Aber wenn wir das Rad zurückdrehen und keine flexiblen Arbeitsverträge ermöglichen, dann werden wir die Arbeitsmarktchancen nur wieder verschlechtern.
SZ:Ist es sinnvoll, die Ausbildung junger Menschen am Arbeitskräftebedarf der Gesellschaft auszurichten?
Wößmann: Es hat sicherlich keinen Sinn, junge Menschen in Bereichen auszubilden, für die es überhaupt keine Nachfrage gibt. Das wäre fatal. Aber es hat auch keinen Sinn, Ausbildung nur daran auszurichten, was die Wirtschaft heute gerade braucht, was aber morgen vielleicht schon wieder obsolet ist.
SZ:Was schlagen Sie vor?
Wößmann: Es ist wichtig, die jungen Menschen breit genug auszubilden, damit sie Kompetenzen erwerben, die auch bei strukturellem Wandel noch einen produktiven Beitrag für die Gesellschaft ermöglichen.
SZ:Was kann Bildungspolitik leisten?
Wößmann: Bildungspolitik ist nicht allmächtig. Sie kann nicht ersetzen, was in den Familien unterlassen wird. Aber Bildungspolitik kann dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ein Mindestmaß an Kompetenzen erwerben, die es ihnen ermöglichen, sich in der Lebens- und Arbeitswelt langfristig gut zurechtzufinden.
SZ:Bildungsreformen wirken nur langfristig. Wie hoch sind die finanziellen Verluste, wenn die Bildungsarmut nicht abgebaut wird?
Wößmann: Wenn wir nur kurzfristig denken, dann bringen Bildungsinvestitionen wenig. Die besser ausgebildeten Jugendlichen müssen ja überhaupt erst mal am Arbeitsmarkt aktiv werden. Die volkswirtschaftlichen Kosten unzureichender Bildung sind immens. Wenn die Politik nichts unternimmt, verliert die deutsche Volkswirtschaft langfristig 2,8 Billionen Euro.
SZ:Wie lässt sich die Ungleichheit der Bildungschancen als Folge der familiären Herkunft beseitigen?
Wößmann: Erstens kommt es auf die Zeit vor der Schule an: Wenn wir es schaffen, auch Kindern aus bildungsfernen Schichten ein anregendes Bildungsumfeld im frühkindlichen Bereich sicherzustellen, dann können sie ganz andere Bildungslaufbahnen einschlagen. Zweitens verbaut die frühe Aufteilung in unserem Schulsystem, das Kinder schon im Alter von zehn Jahren auf unterschiedliche Schularten aufteilt, Kindern aus bildungsfernen Schichten viele Chancen.
SZ:Bildungsferne Eltern sind aber oft gar nicht daran interessiert, dass ihre Kinder gefördert werden.
Wößmann: Das ist richtig und stellt das größte Dilemma dar. Die Kinder der Mittelschicht besuchen schon lange alle den Kindergarten. Aber gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten wäre es so wichtig, in den gleichen Genuss zu kommen. Wir müssen über eine Kindergartenpflicht nachdenken. Vor allem müssen wir die Eltern mit ins Boot holen. Oft sind Programme erfolgreicher, die nicht nur die Kinder fördern, sondern auch die Eltern unterstützen.
Interview: Sibylle Haas
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