Spiegel, 03.04.2010, S. 116
SPIEGEL: Herr Falck, wir dachten, Dialekt sei etwas für den bayerischen Heimatabend oder das Ohnsorg-Theater in Hamburg. Aber in einer Untersuchung behaupten Sie und drei Ihrer Kollegen, dass Dialekt ein unterschätztes Merkmal der kulturellen Identität sei und bis heute eine Rolle dabei spiele, in welche Regionen Menschen umziehen. Wie kann man das nachweisen?
Falck: Als sich das Deutsche Reich Ende des 19. Jahrhunderts ausbildete, suchte man nach einheitsstiftenden Merkmalen und hoffte, sie in der Sprache zu finden. Der Linguist Georg Wenker verschickte zwischen 1879 und 1888 an 45 000 deutsche Schulen Fragebögen, und da haben die Lehrer die Schüler charakteristische Sätze vorlesen lassen. Die phonetischen Protokolle gibt es noch heute in Archiven. Ein einzigartiges Dokument, das wir mit heutigen Wanderungsdaten zusammengespielt haben. Da zeigt sich, dass auch nach über 120 Jahren die durch Dialekt markierten Grenzen noch heute eine Rolle spielen: Auffallend viele Menschen bleiben in dem geografischen Gebiet ihres Dialektes.
SPIEGEL: Dabei sprechen immer weniger Menschen Dialekt.
Falck: Ja, aber die damals ausgebildeten kulturellen Identitäten sind immer noch präsent. Sie wirken als verborgene Landkarten, als ein Unbewusstes im Wanderungsprozess. Dialekte sind gewissermaßen nur schwer zu löschendes kulturelles Gedächtnis.
SPIEGEL: Ein Beispiel ist die Gegend von Goslar.
Falck: Ja. Dort wanderten im 16. Jahrhundert Arbeitsleute für den Silberbergbau ein und behielten über Jahrhunderte ihren sächsischen Dialekt aus dem Erzgebirge bei. Und selbst die deutsche Teilung hat an der sprachlichen Familiarität nichts geändert.
SPIEGEL: Hat also Karl Marx unrecht, wenn er sagt, nur die materielle Basis präge den Überbau?
Falck: Wir können die Einflüsse auf Migration - Arbeitsplatzangebote, soziale und kulturelle Annehmlichkeiten - sehr genau untersuchen. Trotzdem kommt noch etwas ganz Wichtiges hinzu bei den Wanderungsmotiven, das nichts mit sozialer Schichtung zu tun hat. Wir konnten nachweisen, dass das die früheren Dialektgrenzen und die sozialen Erfahrungen sind, die Familien gerade auch über den Dialekt wahrgenommen haben.
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