Schwäbische Zeitung, 29.05.2008, Nr.123
MÜNCHEN - Wer hat die Macht auf dem deutschen Milchmarkt? Die großen Lebensmittelkonzerne oder doch die Bauern? Agrarexperte Manfred Schöpe vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München sieht die Konzerne im derzeitigen Streit um den Milchboykott im Vorteil. Redaktionsmitglied Johannes Rauneker hat sich mit ihm unterhalten.
SZ: Viele Bauern schütten ihre Milch zurzeit in den Abfluss, aus Protest gegen zu niedrige Preise. Von Milchknappheit ist an einigen Stellen die Rede. Raten Sie zu Hamsterkäufen?
Schöpe: Nein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt halte ich das nicht für sinnvoll. Ein paar Liter H-Milch zur Seite zu legen, ist aber nie verkehrt. Milch wird auch wegen des Boykotts nicht knapp werden.
SZ: Obwohl viele Tausend Landwirte streiken?
Schöpe: Die Konzerne des Lebensmittelhandels werden sich weiter mit Frischmilcherzeugnissen versorgen können. Die Hersteller werden die Produktion eher bei den haltbaren Milchprodukten einschränken und mit Frischeprodukten weiterhin beliefern. Außerdem kann der Lebensmittelhandel Milch auch im benachbarten Ausland zukaufen, die Molkereien übrigens auch. Zudem beteiligen sich ja gar nicht alle Bauern am Boykott.
SZ: Kann der Streik für die Landwirte dann überhaupt etwas bewirken?
Schöpe: Mann muss zuerst die Ziele des Boykotts definieren. Jeden Tag, den die Bauern durchhalten, können sie als Erfolg verbuchen in puncto öffentliche Aufmerksamkeit. Die Marktgesetze auf den Kopf zu stellen, wird ihnen jedoch nicht gelingen.
SZ: Die besagen anscheinend: Lidl, Aldi und Co. diktieren die Preise, zu denen die Molkereiwirtschaft letztlich zu liefern hat.
Schöpe: So ist es derzeit. Der Wettbewerb der Discounter wird über den Preis geführt. Am besten eignen sich dafür Lebensmittel des täglichen Bedarfs, so Milch und Butter.
SZ: Im vergangenen Jahr hatten die Landwirte Erfolg: Sie bekamen wieder mehr Geld für den Liter Milch. Kann das nicht jetzt auch geschehen?
Schöpe: 2007 haben auf dem Weltmarkt andere Verhältnisse geherrscht. Es gab eine kurzfristig sehr hohe Nachfrage nach Milchprodukten. Das hat auch die Verhandlungsposition der deutschen Molkereiwirtschaft gegenüber dem Lebensmittelhandel gestärkt. Die Absatzalternative über den Weltmarkt - Milch wurde in Form von Milchpulver sogar bis nach Asien verkauft - ermöglichte es, auf dem heimischen Markt höhere Preise durchzusetzen. Zurzeit sind die Weltmarktpreise wieder gesunken und somit ist die Position der Molkereiwirtschaft geschwächt.
SZ: Warum hat sich die Situation geändert? Trinken die Chinesen keine Milch mehr?
Schöpe: Doch. Aber die Preisexplosion hatte ihre Ursachen beispielsweise auch in leeren Lagern und Spekulationen. Der Weltmarkt für Milch, vor allem die Nachfrageseite, entwickelt sich nie konstant.
SZ: Obwohl die Nachfrage insgesamt gesehen zunimmt?
Schöpe: Ja. Man muss aber sehen, dass Länder in Asien, so zum Beispiel Indien, mit Erfolg dabei sind, ihre eigene Milchproduktion auszudehnen und damit einen Großteil des Nachfragezuwachses selber decken können.
SZ: Das heißt: Die deutschen Land- wirte haben gar nichts von der steigenden Nachfrage?
Schöpe: Vielleicht nicht so unmittelbar, wie man es vermuten könnte. Sie haben etwas davon, dass sich auf längere Sicht auf dem Weltmarkt höhere Preise für Milcherzeugnisse einstellen werden.
SZ: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Ausweg für die deutschen Landwirte?
Schöpe: Der Boykott wird sicher nicht bewirken, die Machtverhältnisse zwischen Molkereiwirtschaft und Lebensmittelhandel zu verändern. Es ist jedoch schon viel erreicht, wenn das Grundproblem, nämlich, die Abhängigkeit der Bauern von der Preispolitik der Discounter, in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht wird. Angesichts dramatisch gestiegener Produktionskosten sehen sich die Bauern ohnmächtig einem Preisdiktat ausgeliefert. Die Chance besteht darin, Rückhalt bei der Politik und der Bevölkerung zu gewinnen und dadurch moralischen Druck auf die Entscheidungsträger im Lebensmittelhandel auszuüben. In dem Maße, wie die Folgen einer aggressiven Preispolitik für jedermann sichtbar werden, könnte auch die Akzeptanz für eine bauerngerechte oder faire Preispolitik steigen.
SZ: So wie mit den Bioprodukten?
Schöpe: Genau. Diesen Trend hatten die großen Lebensmittelfirmen verschlafen. Später haben sie entdeckt, dass es einfach ,in' ist, Bioprodukte zu verkaufen, auch weil es gut fürs Image ist. So könnte es förderlich fürs Image werden, wenn man herausstellt, dass man faire Milchpreise bezahlt. Nur, da muss dann auch der Verbraucher mitspielen.
SZ: Wer sind die größten Verlierer des Boykotts?
Schöpe: In einer echten Zwickmühle befinden sich die Bauern, die Mitglieder einer genossenschaftlichen Molkerei sind. Sie schaden sich nicht nur selbst, indem sie ihre Milch wegschütten, sie schaden auch ihrem Unternehmen. Dies ist ein schwieriges psychologisches Problem und hat sicher Auswirkungen auf die Dauer des Boykotts.
SZ: Für viele Bauern sind die gestiegenen Futtermittel- und Energiepreise ein Problem. Sollte man da nicht zum Bau von noch mehr Biogasanlagen raten?
Schöpe: Viele solcher Anlagen haben derzeit wirtschaftliche Probleme. Hinzu kommt, dass beispielsweise das Allgäu auf Weidewirtschaft und nicht den großen Ackerbau ausgelegt ist. Zudem stellt die Biogaserzeugung eine gewisse Konkurrenz zur Rinderhaltung dar, denn auch die Biogasan- lagen werden in Deutschland mit Silomais, einem wichtigen Futter für Rinder, gefüttert.
SZ: Landwirte aus ganz Europa haben sich mit den deutschen solidarisiert. Kann das was bewirken?
Schöpe: Dadurch wird sicher mehr Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt. Sollte es tatsächlich zu einer wirkungsvollen europaweiten Solidarisierung kommen, wäre das erstens ein Novum und dürfte zweitens die Chancen des Boykotts verbessern.
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