Über Arbeitszeit, Volkswirtschaft, China und Milchmädchen-Argumente sprach Produktion-Chefredakteur Eduard Altmann mit Prof. Hans-Werner Sinn. Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Herr Professor Sinn, macht es aus volkswirtschaftlicher Sicht wirklich Sinn. Länger zu arbeiten? Natürlich macht es Sinn. Denn wenn die Menschen im Betrieb länger arbeiten, arbeitet ja auch das Kapital in Form der Maschinen länger - ohne dass Investitionen nötig wären. Zehn Prozent mehr zu arbeiten ist so, als würde der Kapitalstock der Volks wirtschaft um zehn Prozent wachsen. Damit wären wir zehn Prozent reicher. Das ist wie eine Vermögensausweitung der Volkswirtschaft um zehn Prozent.
Aber in den meisten Unternehmen gibt es ja schon Mehrschichtbetrieb, die Maschinen laufen dann schon zwei mal 8 Stunden... Ja, aber warum nicht zwei mal neun oder zehn Stunden? Wenn die gesamte Volkswirtschaft jeden Tag zehn Prozent länger arbeitet, dann gibt es zehn Prozent mehr Output... ...der was zur Folge hat? Wir kriegen einen riesigen Wachstumsschub. Im zweiten Schritt gibt es auch Arbeitsplätze, weil die Produktivität steigt. Vielleicht nicht um zehn Prozent, es gibt ja Ermüdungseffekte. Auf jeden Fall steigt die Produktivität der Menschen, ohne dass es mehr kostet.
Haben wir denn, oft zitiertes Argument, ausreichend Arbeit für mehr Menschen, die alle länger arbeiten?
Ach, Sie meinen dieses Milchmädchen-Argument, dass die Nachfrage fehlt? Das lässt sich leicht wiederlegen, wenn man bedenkt, dass eine Angebotsausweitung auch immer eine Nachfrageausweitung ist. Denn Unternehmen, die jetzt mehr Gewinne machen, werden das Geld wieder ausgeben. Und sei es, dass der Unternehmer seiner Frau einen Pelzmantel kauft. Das ist Nachfrage. Oder er kauft sich ein schönes Auto. Oder noch viel besser, er kauft sich eine neue Maschine oder baut ein neues Gebäude. Das alles ist Nachfrage, und die ist bis auf den letzten Cent so groß wie die Mehrproduktion.
Aber ist das für den einzelnen Unternehmer nicht frustrierend. weil sich die Nachfrage anders verteilt als die Mehrproduktion?
Ja natürlich. Aber wenn alle zehn Prozent mehr arbeiten, gleicht sich der Effekt aus, dann haben alle etwas von der größeren Nachfrage. Einen gewissen Prozentsatz, der durch Importe ins Ausland abfließt, mal abgezogen.
Also ist Arbeitszeitverlängerung eine rundum positive Sache?
Arbeitszeitverlängerung ist wie technischer Fortschritt, der die Menschen ja auch produktiver macht. Befürchtungen über dessen negative Wirkungen auf den Arbeitsmarkt sind so alt wie die Weber-Aufstände - und trotzdem grundlos. Denn immer in der Entwicklung der Industriegesellschaft der letzten 200 Jahre ging die Mehrproduktion in den Output und nicht in wachsende Arbeitslosigkeit.
Wird es reichen, länger zu arbeiten, um gegen China anzutreten?
Die Chinesen sollen ein bisschen aufwerten, wir arbeiten ein bisschen länger, streichen unsere Lohnnebenkosten, werden noch ein bisschen besser und kriegen dann die Kurve.
Das Problem mit der längeren Arbeitszeit ist doch die Umsetzung. Wer arbeitet gerne länger?
Was gibt es da viel umzusetzen, wo liegt da das Problem? Man bleibt einfach jeden Tag ein, zwei Stunden länger, fertig.
Einige Unternehmen sind dabei zwar schon vorgeprescht...
Ja, aber wegen des Nachfrage-Effektes reicht das nicht, wir müssen es auf breiter Front umsetzen.
…aber dauert das nicht alles viel zu lange?
Man muss dieser Entwicklung eben Beine machen. Je langsamer die Erkenntnis, desto schneller die Realität.
Wie sieht es in Ihrem Institut aus?
Wir sind BAT, alle neuen Verträge sind 40-Stunden-Verträge.
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