Ostsee Zeitung, 06.09.2007, S. 11
OSTSEE-ZEITUNG: Professor Büttner, wie beurteilt man Lebensqualität?
Dr. Thiess Büttner: Da gibt es sicherlich verschiedene Methoden und jeder setzt für sich persönlich die Prioritäten selbst. Die meisten Studien arbeiten mit mehr oder weniger willkürlichen Bewertungen. Wir haben auf ein Verfahren zurückgegriffen, dass in Deutschland aber noch nicht angewandt wurde. Dabei werden verschiedene Indikatoren gesammelt und anhand von Informationen bewertet, die wir aus dem Immobilienmarkt gewinnen.
OZ: Also je höher der Immobilienpreis umso höher die Lebensqualität?
Dr. Büttner: Nein, anders: Der Ansatz wertet Immobilienpreise aus, um herauszufinden, welchen Wert die Käufer der Lage eines Grundstücks zumessen, wobei die Lage mit zahlreichen Annehmlichkeiten oder Unannehmlichkeiten verbunden ist.
OZ: Das klingt ein bisschen ungewöhnlich. Haben Sie dafür ein Beispiel parat?
Dr. Büttner: Nehmen wir mal die Sonnenscheindauer, einen der Indikatoren, die wir in die Ermittlung der Lebensqualität einbezogen haben. Wir wissen, dass die Leute bei der Wahl ihres Wohnsitzes oder dem Kauf einer Immobilie klimatische Bedingungen berücksichtigen, ein sonniges Grundstück einem schattigen vorziehen und eine sonnige Gegend eher schätzen als vielleicht das Mittelgebirge, wo es öfter neblig ist. Der Preisunterschied kann dann als Maß dafür genutzt werden, welchen Wert die Menschen dem Sonnenschein beimessen. Mit diesem Ansatz haben wir dann nicht nur Sonnenscheindauer sondern auch regionale Faktoren, wie Bildungmöglichkeiten, Arbeitsmarkt, Jobchancen, Wasser- und Waldfläche oder Nähe zur Großstadt anhand der Zahlungsbereitschaft der Grundstückskäufer bewertet. Am Ende ergibt sich für jeden Kreis eine Indexzahl. Je höher die ist, umso größer sind die Annehmlichkeiten der Region.
OZ: Was schätzen die Menschen nach Ihrer Studie denn an Rügen?
Dr. Büttner: Die Vorteile der Insel sind die geringen Emissionen, die geringe Kriminalität, die erwähnte hohe Sonnenscheindauer, der Tourismus - da, wo man Urlaub macht, wollen viele Leute auch gern leben - aber auch der Arbeitsmarkt.
OZ: Der sieht doch nun auf Rügen nicht gerade rosig aus.
Dr. Büttner: Aber scheinbar ist es im Verhältnis gesehen doch noch etwas besser als in vielen anderen ostdeutschen Kreisen. Vielleicht bekommen die Menschen ja durch den Tourismus auf Rügen etwas leichter einen Arbeitsplatz als anderswo. Aber das ist nichts, was man aus der Studie entnehmen kann, sondern nur eine Vermutung.
OZ: Gab es für Sie und Ihren Kollegen Überraschungen?
Dr. Büttner: Ja. Die relative große Bedeutung der natürlichen Bedingungen und der Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten gegenüber der Arbeitsmarktproblematik, beispielsweise. Oder auch, dass die regionalen Bildungsmöglichkeiten für die Lebensqualität offenbar viel weniger ins Gewicht fallen als man gemeinhin annehmen würde.
OZ: Rügen liegt am Rande Deutschlands und hat außer Natur und Tourismus nicht allzuviel zu bieten, scheint es. Und dennoch ist die Insel in Sachen Lebensqualität so weit vorn?
Dr. Büttner: Trotz der Entfernung zu den Zentren und der Verkehrsanbindung schlagen unterm Strich doch die Natur, die Schönheit, und die Freizeitmöglichkeiten durch. Diese Annehmlichkeiten sind auch ein Standortfaktor für die Region.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: