Münchner Merkur, 03.04.2009
Merkel und Sarkozy könnten es durchaus als Erfolg verbuchen, dass zunächst keine weiteren Konjunkturprogramme von ihren Ländern gefordert würden.
-Was wird die in London beschlossene neue und gerechtere Finanzordnung für den Lebensstandard des Durchschnittsdeutschen bedeuten? Müssen sich alle auf Einschnitte einstellen? Ich glaube nicht, dass man sich in Deutschland auf deutliche Einschnitte einstellen muss. Aber das ganze Finanzwesen wird deutlich entschleunigt. Das bedeutet, dass der Finanzsektor sich künftig wesentlich weniger dynamisch entwickeln wird. Es muss mit viel mehr Eigenkapital unterlegt werden. Das ist zwar positiv für die Sicherheit, aber wir müssen damit rechnen, dass das Wachstum gedämpft wird.
-Heißt das, dass der Wohlstand in Deutschland mittelfristig abnehmen wird? Nein, das glaube ich nicht. Er wird aber im Durchschnitt langsamer wachsen, dafür aber gleichförmiger, als wir das in der Vergangenheit hatten.
-Offensichtlich werden weitere Konjunkturprogramme in die Eigenverantwortung der Länder gelegt. Damit haben sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy durchgesetzt. Eine gute Entscheidung? Es ist ja zumindest schon im Vorfeld erreicht worden, dass alle nach Möglichkeit zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in solche Programme stecken sollten. Die meisten haben das auch gemacht, China und Amerika sogar mehr. Deutschland und Frankreich können es durchaus als Erfolg verbuchen, dass auf sie zunächst kein weiterer Druck ausgeübt wird, die Programme auszuweiten.
-Ist das richtig? Im Augenblick ist es nicht angezeigt, bei uns weitere Programme aufzulegen. Es ist viel getan worden, und jetzt müssen wir abwarten, wie die Pakete wirken. Aber es kann sein, dass im Herbst zusätzliche Stimulierung notwendig wird.
-Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Konsumforschung: Beruhigen solche Gipfel die Verbraucher oder bewirken sie eher das Gegenteil? Das hängt von der Glaubwürdigkeit ab. Bisher ist die eigene finanzielle Situation der Konsumenten in Deutschland noch positiv eingeschätzt worden, und deshalb hält sich der Konsum auch relativ robust. Aber wir wissen, dass die allgemeinen ungünstigen Einschätzungen zur Wirtschaftslage früher oder später auf die Befindlichkeit des einzelnen Konsumenten durchschlagen. Deshalb ist es extrem wichtig, dass es auch durch den Gipfel hier zu einer Aufhellung kommt.
-Ein konkretes Ergebnis ist, dass das Bankgeheimnis endgültig am Ende scheint. Die Staaten wollen Steueroasen trockenlegen und drohen mit Sanktionen: Ist das ernst zu nehmen? Man hat im Vorfeld schon gesehen, dass eine solche Androhung Länder wie Liechtenstein und die Schweiz durchaus zu Zugeständnissen bewogen haben. Also ich könnte mir schon vorstellen, dass auch andere Länder sich jetzt auch gezwungen sehen, kooperativer zu werden.
-Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Dollar im Zusammenhang mit der Finanzkrise als Leitwährung abgesetzt wird? Abgesetzt wird er natürlich nicht, so etwas ist immer ein Prozess, der sich langsam entwickelt. Aber es könnte schon sein, dass es künftig ein multipolares System gibt. Dass neben dem Dollar der Euro zunehmend an Bedeutung gewinnt und auf längere Sicht auch eine asiatische Währung. Das muss nicht unbedingt der Yen sein, es könnte längerfristig auch der chinesische Juan sein.
-Unterm Strich: Riesige Erwartungen waren an den G20-Gipfel in London geknüpft. Hat sich der Aufwand gelohnt? Ich glaube schon. In solchen unsicheren Zeichen brauchen wir Signale, dass die Weltwirtschaft zusammenarbeitet, dass hier kein Auseinanderdriften zu befürchten ist. Und es sind ja durchaus auch konkrete Ergebnisse erzielt worden. Insgesamt würde ich schon sagen, dass sich der Gipfel gelohnt hat.
Das Interview führte Ines Pohl
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