Markenartikel, 01.03.2011, S. 55
MARKENARTIKEL: Wachstumseuphorie prägt die gegenwärtige Landschaft - was meinen Sie, Herr Prof. Carstensen?
PROF. KAI CARSTENSEN: Nach der Euphorie kommt häufig das böse Erwachen. Richtig ist, dass es der Konjunktur in Deutschland derzeit besser geht als in vielen anderen Ländern, speziell in Europa. Aber wir sollten einen kühlen Kopf behalten und neben den Chancen auch die Risiken genau beobachten. Die aktuellen Entwicklungen in Nordafrika zeigen, wie schnell es zu Umwälzungen mit ungewissem Ausgang kommen kann. Wenn sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen dort und in anderen Regionen aber positiv entwickeln, gibt es natürlich allen Grund zum Optimismus, denn die Ausgangsbedingungen für Deutschland sind gut.
MARKENARTIKEL: Handelt es sich aus Ihrer Sicht nur um eine Verschnaufpause oder darf von einem mittelfristigen Trend ausgegangen werden?
CARSTENSEN: Vieles spricht dafür, dass sich die gute Konjunktur in den kommenden Jahren fortsetzen wird. So dürften die Zinsen niedrig bleiben, weil die Europäische Zentralbank nicht allein auf die starke deutsche Entwicklung reagieren kann. Vielmehr muss sie auch die eher trüben Perspektiven in der europäischen Peripherie berücksichtigen. Dazu kommt, dass die Deutschen ihr Kapital wohl nicht mehr so unvorsichtig ins Ausland tragen werden wie vor der Wirtschaftskrise, denn mittlerweile sollte klar geworden sein, dass scheinbar lukrative Anlagen im Ausland mit unerwartet hohen Risiken behaftet sind. Dann macht es Sinn, mehr Geld im Inland zu lassen und so die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Auf den Einzelhandel werden im laufenden Jahr aber auch dämpfende Faktoren wirken. Zwar werden die Bruttolöhne wohl deutlich zulegen, und auch die Renten dürften zur Jahresmitte etwas steigen. Gegenzurechnen ist jedoch, dass die Nettolöhne durch die Anhebung der Beiträge zur Kranken- und zur Arbeitslosenversicherung gebremst werden. Die große Unbekannte ist zudem die Inflation, die sich gegenwärtig vor allem aus zunehmenden Preisen für Lebensmittel und Energie speist. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, könnte das Einkommensplus am Ende durch Preissteigerungen aufgezehrt werden.
MARKENARTIKEL: Wie lange wird der Export Motor sein, wenn einige internationale Märkte ums Überleben kämpfen? Was bedeutet dies für die Markenartikel-Wirtschaft?
CARSTENSEN: Der Export ist und bleibt zentral für die deutsche Wirtschaft. Daher werden sich internationale Rückschläge immer auch auf Deutschland auswirken. Glücklicherweise sind die Exporteure aber breit über die Handelspartner diversifiziert. Deshalb werden Probleme eines bestimmten Marktes zwar möglicherweise einzelne Firmen, nicht aber die gesamte Volkswirtschaft aus der Bahn werfen. Eng dürfte es nur dann werden, wenn Schwierigkeiten in großen Ländern wie den USA oder China auf ganze Regionen ausstrahlen. Markenartikler sollten die Entwicklung in Asien genau beobachten. Die steigenden Einkommen haben die Nachfrage nach Qualitätsprodukten beflügelt. Vielfach ist die Konjunktur dort aber heiß gelaufen. Das hat Inflation und Blasenbildung zur Folge. Gerade für China stellt sich die Frage, ob eine weiche Landung gelingt.
lnterview: Uwe Käckenhoff
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