Handelsblatt, 23.10.2008, Nr. 206, S. 28
Im Sommer bezeichneten viele Ökonomen den Ölpreis noch als größtes Risiko für die Weltwirtschaft, von einer dritten Ölpreiskrise war die Rede. Wie können so viele Experten irren?
Die Finanzmarktkrise ist in der Geschichte beispiellos, ihre Auswirkungen haben wir alle unterschätzt. Das hat dafür gesorgt, dass der Ölpreis weit schneller fiel, als erwartet.
Inzwischen hat sich der Ölpreis zu einer Stütze für die Konjunktur entwickelt. Gleicht er die Auswirkungen der Krise aus?
Ganz sicher nicht. Das Abflauen der Weltwirtschaft wird bei weitem nicht allein durch die Krise verursacht. Sie fällt viel mehr in eine Zeit, in der sich das globale Wirtschaftswachstum zyklisch ohnehin schwächt. Der Ölpreis spielt dennoch eine entscheidende Rolle: Er stabilisiert automatisch. Das weltweit sinkende Wachstum drosselt den Ölpreis. Und das günstigere Öl wiederum dürfte den Einbruch der globalen Konjunktur dämpfen. Aber man sollte auch nicht vergessen: Historisch gesehen ist Öl weiter nicht billig.
Vor allem der Ölpreis hat die Inflation auf Rekordwerte getrieben. Wie lange wird es dauern, bis sie auf "Normalmaß" ist?
Bliebe der Ölpreis unter 70 Dollar, dürfte die Inflation in Deutschland bereits im Frühjahr 2009 unter zwei Prozent sinken und die von der Europäischen Zentralbank angestrebte Marke erreichen. In der Euro-Zone dürfte es bis zur Jahresmitte dauern, schließlich war die Inflation im Währungsgebiet im Sommer noch höher.
Deutschland hat dank vieler führender Investitionsgüterhersteller von der hohen Ölnachfrage profitiert. Wie sehr trifft uns nun der Abschwung?
Vor allem die Maschinenbauer werden es zu spüren bekommen, wenn die OPEC oder Russland weniger Petrodollar recyceln können. Zudem trifft sie der weltweite Abschwung. Für die deutsche Gesamtwirtschaft ist der rückläufige Ölpreis aber eine klare Entlastung.
KAI CARSTENSEN Konjunkturchef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, München.
Die Fragen stellte Dorit Heß.
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