Frankfurter Rundschau, 12.11.2007
Wie fühlt man sich als Heilsbringer?
Ich betrachte mich nicht als Heilsbringer, nur weil ich ein Buch geschrieben habe. Ich möchte mit Fakten dazu beitragen, dass Schulen Wissen effizienter vermitteln, damit Kinder und Jugendliche mehr von ihrer Schulzeit haben.
Werden Sie Ihre Kinder auf eine Privatschule schicken?
Ich hoffe, dass die öffentlichen Schulen noch besser werden, da ich meine Kinder gerne in einer öffentlichen Schule unterrichten lassen würde.
Wie sieht Ihre ideale Schule aus?
Zunächst einmal müssten alle Schüler länger als bisher auf einer einheitlichen Schule unterrichtet werden. Dann hat die einzelne Schule sehr viel mehr Selbstständigkeit als heute - beispielsweise dürfte sie ihre eigenen Lehrer aussuchen. Gleichzeitig ist sie dafür verantwortlich zu zeigen, was sie geleistet hat. Die Lernziele sind vorgegeben und werden extern überprüft, damit die Eltern sehen, hat das geklappt oder nicht. Den Weg zu den Lernzielen definieren die Schulen selbst. Das können Lehrer besser als Behörden.
Wie wollen Sie diesem Idealzustand näher kommen?
Es muss viel mehr über Fakten als über philosophische Anschauungen diskutiert werden. Wie unsere Kinder gut unterrichtet werden, ist eine real wissenschaftliche Frage und keine philosophische.
Sie sagen, Sie bekämpfen linke und konservative Mythen. Wer ist denn Ihr Bündnispartner?
Beide (lacht). Nein, im politischen Bereich werde ich wohl niemanden finden, der all meine Thesen unterstützt. Allerdings gibt es viele, die das Schulsystem verbessern wollen.
Ersetzen Sie alte Mythen nicht durch einen neuen Mythos: der Heilslehre von Privatisierung und Flexibilisierung?
Das ist ja keine Heilslehre. Es sind Fakten. Ich beschreibe, was wir aus nationalen und internationalen Untersuchungen lernen können. Schulsysteme wie das niederländische, das einen höheren Anteil privat geleiteter, aber öffentlich finanzierter Schulen hat, schneiden bei Tests besser ab als unser Schulsystem.
Sind die Menschen bereit für Reformen? Viele fürchten, dass private Schulen die Ungleichheit verstärken. Sehr viele sind für das dreigliedrige Schulsystem.
In beiden Fällen können Untersuchungen den Menschen Ängste nehmen. So bringen mehr privat geleitete Schulen auch und gerade den sozial Schwachen Vorteile. Wenn Fakten in der öffentlichen Diskussion eine größere Rolle spielen würden, dann würden sich auch noch mehr Leute gegen das dreigliedrige Schulsystem aussprechen. Untersuchungen zeigen, dass auch Schüler mit besseren Leistungen nicht unter einer Gemeinschaftsschule leiden. Daran schließt sich an, dass Lehrer lernen müssen, mit mehr Heterogenität und mehr Ungleichheiten in der Klasse umgehen zu können.
Was sind die wesentlichen Schwierigkeiten?
Wir müssen zwei Hauptprobleme angehen. Zum einen sind das die insgesamt unterdurchschnittlichen Leistungen im internationalen Vergleich und zum anderen hängt Schulleistung zu stark vom familiären Hintergrund ab. Dafür sind unterschiedliche Lösungen notwendig. Im Bereich der Chancengleichheit sind es längeres gemeinsames Lernen und ein ausgebautes frühkindliches Bildungssystem. Beim Leistungsniveau sind das vor allem die Selbstständigkeit der Träger und die externe Leistungskontrolle.
Sie sind einer der wenigen Reformer, der nicht mehr Geld für Bildung fordert. Warum?
Weil alle Untersuchungen zeigen, dass zusätzliches Geld im Schulsystem, so wie es jetzt gestrickt ist, nicht dafür genutzt wird, dass die Schüler mehr lernen. Erst muss sich das System verändern, sonst ist das Geld verschwendet.
Interview: Andreas Schwarzkopf
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