emotion, Januar 2008, Nr. 1/2008
Können Sie verstehen, warum Eltern, Schüler und Lehrer in Deutschland auf die Schule schimpfen?
Verstehen kann man das allemal. Wir sehen ja, dass vieles im Argen liegt. Aber die Kritik trifft nicht immer den Richtigen. Wenn es um Schule geht, glaubt jeder mitreden zu können, weil jeder Erinnerungen an bestimmte Lehrer oder Ereignisse in der Schule hat. Das sind aber alles Einzelfälle. Um allgemeingültige Aussagen über Schule an sich treffen zu können, brauchen wir eine Datenbasis, die den Zustand der Schulen in Deutschland beschreibt. Die haben wir jedoch erst seit relativ kurzer Zeit.
Sie meinen die PISA-Studie, deren neue Ergebnisse gerade veröffentlicht wurden. Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen: Was bei solchen Studien geprüft wird, ist doch gar nicht relevant?
Dass sie im Irrturm sind. Es gibt jede Menge handfeste Belege, dass die dort getesteten Kompetenten wichtig sind. Dazu muss man wissen: Deutschland hat sich 25 Jahre lang nicht an internationalen Vergleichstests von Schulen beteiligt. Die erste Leistungsuntersuchung, an der deutsche Schulen wieder teilgenommen haben, war 1995 die TIMSS-Studie, bei der es um den Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften ging. Deutschland schnitt dabei nur mittelmäßig ab. Damals gab es auch schon diese Kritik: Was dort geprüft wird, ist nicht relevant, weil bloß Lehrplan- und Faktenwissen abgefragt wird. PISA ist die Antwort auf diese Vorwürfe, denn dort testet man Kompetenzen wie Textverständnis, die junge Menschen fürs Leben brauchen. Aber auch da schneiden deutsche Schüler schlecht ab. Deshalb haben solche Vorurteile ausgedient - dahinter verstecken gilt nicht mehr.
Sie benennen in Ihrem Buch weitere „Schulirrtümer", von denen wir uns nach PISA verabschieden sollten – etwa von der Formel: „Kleine Klassen = bessere Schüler". Dass Lernen in einer kleinen Gruppe leichter ist, scheint aber doch irgendwie logisch, oder?
Ich weiß, es klingt unglaublich. Aber dass Schüler in kleineren Klassen mehr lernen, ist ein weit verbreiteter Mythos. Nichts in unseren umfangreichen Studien deutet darauf hin, dass schulische Leistungen durch die Klassengröße nennenswert beeinflusst werden.
Für einen Irrtum halten Sie auch das Beharren der Deutschen auf dem mehrgliedrigen Schulsystem. Warum?
Weil inzwischen sehr viele Studien zeigen, dass die frühe Aufteilung in drei strikt getrennte Schulzweige dazu führt, dass Schüler aus bildungsarmen Familien stark benachteiligt werden. Wenn wir wollen, dass alle Schüler mehr lernen, müssen wir das beenden.
Was führt den Studien zufolge sonst noch dazu, dass Schüler besser lernen?
Zum Beispiel motivierte Lehrer. Die empirischen Forschungen belegen: Schulsysteme, die Lehrer – finanziell oder auf anderem Weg - dafür belohnen, dass sie sich anstrengen, bringen bessere Schüler hervor. Allerdings ist unser System nicht darauf angelegt, guten Unterricht zu belohnen. Wenn ein Lehrer sich sehr gut vorbereitet und alles tut, um seinen Schülern etwas beizubringen, steht er am Ende des Tages doch genauso da wie sein Kollege, der Dienst nach Vorschrift schiebt. Einsatz wird in unserem System nicht belohnt, noch nicht mal beobachtet! Das ist für die Motivation der Lehrer sehr schlecht.
Eine Lehre aus PISA ist für Sie also: Wir brauchen bessere Bezahlung für guten Unterricht.
Zunächst mal geht es darum, Lehrern, die viel leisten, überhaupt Anerkennung zu zollen. Es gibt bereits einzelne Privatschulen, die ihren Lehrern für besondere Anstrengungen Provisionen zahlen. Warum nicht? Das müssen wir testen. Es gibt so viele Dinge im Schulsystem, von denen wir annehmen, sie würden die Leistung steigern, bei denen aber in den seltensten Fällen überprüft wird, ob das auch stimmt. Zum Beispiel gibt es kaum Daten zur Frage, was besser ist: Gruppenarbeit oder Frontalunterricht.
Ist nicht genau das ein Problem? Gute Lernleistungen hängen doch von vielen verschiedenen Faktoren ab. Lässt sich eine Gleichung mit so vielen Unbekannten überhaupt lösen?
Davon bin ich überzeugt. Über vieles können wir nur philosophieren - die Frage nach gutem Unterricht gehört definitiv nicht dazu. Denn Leistungen kann man abfragen, also kann man auch nachprüfen, welche Faktoren zu besseren Ergebnissen führen. Gerade weil Bildung ein so facettenreicher Prozess ist, bei dem es um ein Wechselspiel zwischen Lehrern und Schülern geht.
Was sagen Studien wie PISA über die Beziehung von Lehrern und Schülern?
Zum Beispiel, dass zentrale Prüfungen die Qualität der Beziehung und damit die Leistung der Schüler verbessern. Solange ein Lehrer selbst die Klausur stellt, bleibt er immer der Richter. Gibt es dagegen zentrale Aufgaben, wird der Lehrer zum Coach, der die Schüler auf eine gemeinsame Herausforderung vorbereitet. Alle Studien belegen, dass Länder mit zentralen Prüfungen bessere Schüler hervorbringen. Es müsste doch möglich sein, aus Fakten zu lernen.
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