Chrismon, 01.03.2009, Nr. 03/2009, S. 7
chrismon: Wie war das noch mal mit Max Weber?
Ludger Wößmann: Der Soziologe erklärte den Erfolg protestantischer Gebiete mit einer speziellen Ethik. Er argumentierte, dass besonders die Calvinisten wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen von Gottgefälligkeit ansahen. Deshalb arbeiteten sie härter und reinvestierten ihr erspartes Kapital. Insofern hatte Weber recht: Die Protestanten hatten einen ökonomischen Vorsprung.
Worin äußerte sich dieser Vorsprung?
Sie schafften eher den Sprung in eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Und: Sie erzielten Einkommen, die im Schnitt sechs Prozent höher waren als die der Katholiken.
Woher wollen Sie das heute wissen?
Wir, mein Mitautor Sascha Becker und ich, haben in Archiven Daten für die gut 450 preußischen Kreise aus der Zeit um 1880 gefunden. In Preußen gab es katholisch und evangelisch geprägte Kreise. Heute können wir diese Daten am Computer vergleichen.
Dann ist doch alles klar.
Ja, was den wirtschaftlichen Erfolg der Protestanten angeht. Aber Weber hatte die falsche Erklärung: Es war nicht der Protestantismus an sich, sondern die Bildung, die zu diesem Erfolg führte.
Was hat Protestantismus mit Bildung zu tun?
Martin Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche. Alle sollten das Wort Gottes lesen können. Also förderten die Reformatoren den Schulbau, Kinder sollten lesen und schreiben lernen. Die Folge: In protestantischen Kreisen lag die Alphabetisierungsrate um acht Prozent höher als in katholischen Gebieten.
Und das führte zu größerem wirtschaftlichen Erfolg?
ja. Wenn wir diesen Bildungsvorsprung aus unseren Modellen herausrechnen, verschwindet der ökonomische Vorsprung der Protestanten. Für eine spezielle Wirtschaftsethik bleibt also nichts übrig, was noch zu erklären wäre.
Heute ist das katholisch geprägte Bayern Wirtschaftsprimus. Haben die Protestanten ihren Vorsprung verloren?
Die Bayern haben den Einfluss der Religion auf die Wirtschaft durchbrochen, weil sie zentrale Prüfungen eingeführt und klare Bildungsziele formuliert haben. Das zeigt, wie wichtig Bildung ist. Auf individueller Ebene bestätigt sich unsere These bis heute: Protestanten haben einen höheren Bildungsgrad - und verdienen deshalb im Durchschnitt rund fünf Prozent mehr als Katholiken.
Fragen: Nils Husmann
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