Badische Zeitung , 06.11.2008
BZ: Herr Wößmann, wie ist die Lage der Bildung in Deutschland?
Wößmann: Im internationalen Vergleich setzen wir im Hochschulbereich mehr staatliche Mittel pro Student ein als im Durchschnitt der OECD-Länder, aber im frühkindlichen Bereich wesentlich weniger. Neue Forschungen zeigen, dass es umgekehrt sein muss, wenn man möglichst gute Ergebnisse pro investierten Euro bekommen möchte. Zudem haben wir im Schulsystem zu wenig Anreize, die sicherstellen, dass das vorhandene Geld so genutzt wird, dass möglichst viel dabei herauskommt.
BZ: Was schlagen Sie stattdessen für die Schulen vor?
Wößmann: Man müsste den institutionellen Rahmen ändern: zentrale Prüfungssysteme einführen, Schulen mehr Selbstständigkeit geben und mehr privat geleitete Schulen in öffentlicher Finanzierung ermöglichen.
BZ: Also haben wir genug Geld, wir setzen es nur falsch ein?
Wößmann: Zum Großteil heißt es genau das. Im frühkindlichen Bereich ist das vielleicht nicht ganz der Fall.
BZ: Der Bundestag hat gerade beschlossen, dass es vom Jahr 2013 an einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige geben soll.
Wößmann: Das ist auf jeden Fall ein Weg, der Sinn macht. Wir müssen auch diskutieren, wie wir sicherstellen können, dass dies Kindern aus bildungsfernen Schichten zugute kommt, und wie sich die Qualität der frühkindlichen Bildungseinrichtungen verbessert lässt, damit die Kinder schon früh spielend lernen.
BZ: Sie haben sich die einzelnen Bundesländer in Sachen Bildung angesehen. Wo steht Baden-Württemberg?
Wößmann: Baden-Württemberg steht vom durchschnittlichen Leistungsniveau her relativ gut da. Wenn es um die Gleichheit der Bildungschancen geht, schneidet es aber schlecht ab. Der Leistungsunterschied der Spitzenleistungen von Kindern aus Akademikerhäusern und Arbeiterelternhäusern ist in Baden-Württemberg relativ groß.
BZ: Wo muss Baden-Württemberg nachbessern?
Wößmann: Das eine ist eine intensivere frühkindliche Bildung. Zum anderen wächst die Ungleichheit, je früher Schüler auf unterschiedlichen Schularten aufgeteilt werden. Wenn wir die Aufteilung nach der vierten Schulklasse weiter nach hinten verschieben, würde sich die Chancengleichheit erhöhen. Studien belegen, dass darunter auch die besten Schüler nicht leiden. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, auf wie viele Schularten die Schüler aufgeteilt werden. Das schließt an die in Baden-Württemberg heftig geführte Diskussion um die Zukunft der Hauptschulen an. Auch dort erhöht sich die Chancengleichheit, wenn auf weniger Schularten aufgeteilt wird.
BZ: Vor einem Jahr haben Sie in Ihrem Buch "Letzte Chance für gute Schulen" Veränderungen des Schulsystems gefordert. Was hat sich seitdem getan?
Wößmann: Ich sehe keine großen Schritte in Bezug auf Bildungsreformen. Es wäre auch naiv, wenn man erwarten würde, dass sich gleich die ganze Bildungspolitik ändert, weil ein neues Buch erscheint.
BZ: Woran liegt es, dass Vorschläge, die von Wissenschaftlern, aber auch von internationalen Gremien für gut befunden werden, so langsam umgesetzt werden?
Wößmann: Die föderale Struktur macht da ein Problem, weil wir damit nie bundesweite Entscheidungen bekommen. Ein bisschen tiefer liegt, dass bis vor kurzem Bildungsfragen ideologische Diskussionen hervorgerufen haben – was verständlich ist, weil es jedem sehr nahe geht. Aber letztendlich sind die meisten dieser Fragen keine Glaubensfragen. Darauf kann man mit Fakten Antworten finden. In dem Maße, wie die Pisa-Ergebnisse analysiert werden, gibt es in den vergangenen fünf Jahren erste Bewusstseinsveränderungen. Jetzt brauchen wir Zeit, bis dieses Umdenken ganz ankommt.
BZ: Hat Pisa die Diskussion versachlicht?
Wößmann: (lacht) Das wechselt immer mal wieder. In gewisser Weise musste es so sein, weil wir über die Pisa-Studie zum ersten Mal Fakten auf den Tisch bekommen haben. Vorher war es ja so, dass jeder Landeskultusminister behaupten konnte, dass sein Schulsystem das beste der Republik und der Welt wäre. Das ist nun nicht mehr so leicht möglich, weil wir gesehen haben, wo es gut läuft und wo nicht.
BZ: Was macht Sie da so sicher?
Wößmann: Wenn wir sehen, dass bis vor wenigen Jahren nicht einmal die Hälfte der Bundesländer ein Zentralabitur oder eine zentrale Abschlussprüfung hatte, wie es Bayern und Baden-Württemberg schon lange haben; wenn wir sehen, dass immer mehr Bundesländer darüber diskutieren, ob eine Zweigliedrigkeit nicht besser ist als eine Dreigliedrigkeit; wenn wir sehen, in Hamburg soll eine sechs- statt einer vierjährigen Grundschule eingeführt werden, dann sind das alles Ansätze, die in die richtige Richtung gehen.
BZ: Sie sind selbst Vater von zwei Kindern. Auf was für eine Schule werden Sie ihre Kinder einmal schicken?
Wößmann: Sie werden sicherlich in die Grundschule vor Ort gehen. Ich hoffe, dass sich die öffentlichen Schulen Stück für Stück so weiterentwickeln, dass es das Beste für alle ist. Ich halte wenig davon, Kinder auf übermäßig behütete Privatschulen zu schicken, wo nur die oberen Zehntausend hinkommen und wo sie das wirkliche Leben nie kennenlernen.
Autor: Von Constance Frey
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