Der Bund, 04.07.2008, S. 2-3
Mit der Abstimmung in Basel-Landschaft und Volksinitiativen in zehn weiteren Kantonen wird die freie Schulwahl in der Schweiz zum Thema. Dank der Wahlfreiheit steige die Qualität der Schulen, sagt Ludger Wössmann.
«Bund»: Ob Telefon oder Post und bald auch Strom: Der Konsument hat die Wahl und zuweilen die Qual. Jetzt soll auch noch die Schule frei wählbar werden. Ist das tatsächlich notwendig?
Ludger Wössmann: Ja. Das ist eine gute Idee, um möglichst allen Kindern eine gute Schulbildung zu bieten.
Was sind die grössten Missstände im heutigen Schulsystem?
Schulen, die ihren Schülerinnen und Schülern wenig beibringen und ihnen kaum Perspektiven eröffnen, müssen dafür keine Konsequenzen fürchten. Die Eltern haben keine Chance, da herauszukommen – vor allem nicht jene Eltern, die sich keine Privatschulen leisten können. Gleichzeitig werden gute Schulen, die sich anstrengen, dafür nicht belohnt.
Wer wählen kann, muss wissen, was er bekommt. Wie können Eltern feststellen, wie gut eine Schule ist?
Damit die freie Schulwahl dazu führt, dass die Kinder mehr lernen, brauchen die Eltern objektive Messlatten für die Bewertung der Schulen und nicht einfach mündliche Empfehlungen. Mit externen Überprüfungen, die im Rahmen von regulären Tests ablaufen können, lässt sich messen, was die Schüler tatsächlich gelernt haben. Der Lernerfolg ist letztlich das Entscheidende für jeden Einzelnen und für die gesamte Volkswirtschaft. Damit die Eltern die Schulen vergleichen können, müssen ihnen die Resultate zugänglich sein.
Für die freie Schulwahl gibt es verschiedene Modelle. Die einen wollen nur staatliche Schulen einbeziehen, die von der Elternlobby lancierten kantonalen Initiativen sehen auch den freien Zugang zu Privatschulen vor. Welches Modell bevorzugt der Bildungsökonom?
Bereits die Wahlfreiheit bei staatlichen Schulen hat einen positiven Effekt, wie Studien in den USA und Schweden zeigen. Die Schulen erhalten Anreize, mit neuen Ideen und Konzepten besser auf die Bedürfnisse der Schüler einzugehen, und ziehen dadurch neue Schüler an. Die Qualität des Unterrichts wird besser und damit steigt insgesamt auch das Bildungsniveau. Der nächste Schritt ist dann die freie Schulwahl auch für Privatschulen. Internationale Vergleiche zeigen: Schüler schneiden in Ländern, wo es viele Privatschulen gibt, besser ab. Interessanterweise erzielen dort auch die Schüler öffentlicher Schulen bessere Resultate – eine Konsequenz des Wettbewerbs. Wichtig dabei ist die Organisation der Privatschulen. Sie sollten von Privaten getragen, aber öffentlich finanziert sein. So läuft es in Holland, das in internationalen Tests regelmässig sehr gut abschneidet.
Wieso ist die öffentliche Finanzierung so wichtig?
Der Wettbewerb funktioniert nur dann richtig, wenn alle Eltern wählen können. Dann profitieren auch Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten. Der Abstand zwischen Arbeiter- und Akademikerkindern verringert sich dank der Wahlfreiheit. Ohne öffentliche Finanzierung entscheidet hingegen das Portemonnaie, auf welche Schule das Kind geht. Deshalb sollten die Privatschulen dann auch keine zusätzlichen Schulgelder einfordern können. Sonst können es sich wiederum nur Reiche leisten.
Der Staat als reiner Geldgeber. Sonst zieht er sich ganz zurück?
Nein. Er setzt hohe Standards und stellt die Qualität sicher. Für die Umsetzung sollte er aber auch private Initiativen zulassen. Dann profitieren alle am meisten.
Sind Ausländer und sozial benachteiligte Schichten nicht überfordert mit der freien Schulwahl?
Für bildungsferne Haushalte ist es sicher schwieriger, an Informationen über die Schulen zu kommen. Nun sollte man aber die freie Schulwahl nicht mit dem Idealzustand, sondern mit dem heutigen System vergleichen. Heute haben die Schulen nur wenige Anreize, auf Kinder aus sozial benachteiligten Schichten einzugehen. Weil die Quartiere in den Städten stark nach sozialen Schichten gegliedert sind, haben Kinder in armen Stadtteilen grosse Nachteile. Mit der freien Schulwahl können sie in einem ,besseren‘ Quartier in den Unterricht gehen. Die bildungsfernen Haushalte profitieren auch von der allgemein steigenden Qualität des Unterrichts, durch den von der freien Schulwahl ausgelösten Druck.
In Bern gibt es Schulen mit hohen Ausländeranteilen. Mit der freien Schulwahl würde doch dieses Problem noch verstärkt, weil die wenigen Schweizer in diesen Quartieren ihre Kinder anderswo in den Unterricht schicken würden.
Nein. Auch Ausländer können die Schule frei wählen. Die heutige grosse Konzentration von Ausländern in gewissen Quartieren ist ja kaum mehr zu verstärken. Erfahrungen im Ausland zeigen, dass die freie Schulwahl die soziale Ungleichheit verringert. Heute läuft die Schulwahl indirekt über die Wahl des Wohnorts. Und diese hängt stark vom Portemonnaie ab.
Die freie Schulwahl erhöhe die Bildungskosten, kritisieren die Gegner. Die staatlichen Schulen müssten ihr Angebot wie bisher bereithalten, private Schulen erhielten zusätzliche Gelder.
Das Gegenteil ist der Fall. Jene Länder, die auch auf private Schulen setzen, geben pro Schüler weniger Geld aus. Öffentliche Schulen, die nicht attraktiv sind und deshalb Schüler verlieren, sollten dann auch weniger Schulgeld erhalten. In der Übergangsphase kann es zu Mehrkosten kommen.
In Ländern mit freier Schulwahl ist die Zahl der Schüler, die nicht in die nächstgelegene Quartierschule gehen, klein. Ein grosser Aufwand für einen kleinen Nutzen?
Allein schon die Möglichkeit, dass die Schüler die Schule wechseln oder von Beginn weg gar nicht in eine bestimmte Schule gehen, gibt der Schulleitung grosse Anreize, den Unterricht zu verbessern. Es müssen dafür nicht ständig Kinder die Schule wechseln. Es wäre auch gar nicht wünschenswert, Kinder dauernd aus ihrem Klassenumfeld zu reissen.
Andere Länder machen tendenziell positive Erfahrungen mit der freien Schulwahl. Lässt sich dies überhaupt auf die Schweiz übertragen?
Trotz nationalen Besonderheiten kann man sehr viel von anderen Ländern lernen. Die Studien vergleichen nicht blindlings, sondern berücksichtigen auch Faktoren wie den Einfluss des Elternhauses oder der Klassengrösse auf die Schulleistungen. Wie dann konkret die freie Schulwahl umgesetzt wird, hängt stark vom historisch gewachsenen Schulsystem ab. Hier muss jedes Land seinen eigenen Weg finden.
Spricht es gegen die freie Schulwahl, dass Kinder vermehrt lange und gefährliche Schulwege gehen oder von den Eltern chauffiert werden müssen?
Dies hat sich bis jetzt nicht als grösseres Problem erwiesen. Oft liegen in Städten mehrere Schulen im gleichen Quartier, sodass sich bei einem Schulwechsel die Wege nur leicht verlängern.
Stadtkinder profitieren vom grösseren Schulangebot. Benachteiligt sind aber Schüler auf dem Land.
In ländlichen Gebieten, wo oft nur eine Schule in vernünftiger Reichweite liegt, wird die Wahlfreiheit kaum Auswirkungen haben. Dies als Argument gegen die freie Schulwahl zu verwenden, finde ich völlig abstrus. Auch weil auf dem Land die Bevölkerung homogener ist, sind die Schulen dort oft besser als in den Städten.
Mit der freien Schulwahl sinkt der Zusammenhalt in den Quartieren. Soll dies angesichts der Bedeutung des sozialen Umfelds aufgegeben werden?
In einzelnen Quartieren kann es sicher zu Veränderungen führen. In negativ geprägten Stadtteilen hingegen können Kinder dank der freien Schulwahl diesen Zuständen entfliehen.
Beliebte Schulen werden mit Anfragen überhäuft. Wie ist garantiert, dass es bei den Aufnahmeentscheiden nicht zu Willkür kommt?
Das Fairste wäre ein Losverfahren. In Schweden gibt es Wartelisten. Das hat aber den unerwünschten Effekt, dass gut gebildete Kreise ihre Kinder bereits bei der Geburt an guten Schulen einschreiben. Wichtig ist vor allem, dass die guten Schulen mit grosser Nachfrage wachsen und zusätzliche Klassen aufmachen können. Und jene Schulen, die schlecht bleiben, schrumpfen.
Wie können Schulen im engen Stadtraum wachsen?
Es müssen ja nicht immer gleich grosse Ausbauten sein. Erfolgreiche Schulen könnten Filialen gründen oder mit anderen Schulen Partnerschaften eingehen und dort ihre Pädagogik einführen.
Das Schweizer Schulsystem hat zahlreiche Reformen hinter sich. Jetzt soll mit der freien Schulwahl nochmals alles auf den Kopf gestellt werden. Lohnt sich das überhaupt?
Es hat sich gezeigt, dass sich die Qualität der Schulen mit der freien Schulwahl sehr effizient verbessern lässt. Viel effizienter als beispielsweise mit zusätzlichem Geld im gegenwärtigen System oder grösserer Autonomie für die Schulen.
Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!
Telefon: +49(0)89/9224-1218 Fax: +49(0)89/9224-1267
Presseecho
Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen unter Politikdebatte: