VDI nachrichten, 19.03.2004, S. 20
Was bedeutet der EU-Beitritt von Polen, Tschechien und Ungarn für Sachsen? Die Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Ein Gespräch mit Heinz Schmalholz, einem der Autoren der Untersuchung.
VDI nachrichten: Herr Schmalholz, nach Ihrer Studie wird Sachsen unter dem Strich von der Osterweiterung zunächst profitieren. Warum das?
Schmalholz: Weil es im Freistaat mehr Branchen gibt, die aus der Grenzöffnung Vorteile ziehen werden als solche, die unter Druck geraten. Das ergibt sich eindeutig aus dem Chancen-Risikenprofil, das wir für alle Wirtschaftszweige erstellt haben. Gute Chancen sehen wir vor allem bei Herstellern von Investitionsgütern und höherwertigen Gebrauchsgütern. Unter Anpassungsdruck geraten hingegen die Schuh-, Textil-, Bekleidungs-, Holz- und Metallindustrie. Hinzu kommen die bauhängigen Wirtschaftsbereiche.
VDI nachrichten: Welche Regionen gewinnen, welche werden verlieren?
Schmalholz: Problematisch wird es vor allem in den Grenzregionen. Hier sind die wettbewerbsschwächeren Branchen überrepräsentiert. Aber das ist natürlich eine Durchschnittsbetrachtung, es gibt auch hier positive Ausnahmen. Denken Sie nur an den Uhrenhersteller Glashütte, der sich zum Weltmarktführer in bestimmten Nischen entwickelt hat. Sehr optimistisch sind wir generell für die Region Leipzig.
VDI nachrichten: In den Beitrittsländern sind die Arbeitskosten deutlich niedriger als in den Neuen Ländern. Wie gravierend ist dieser Wettbewerbsnachteil?
Schmalholz: Bei den Lohnvergleichen muss man vorsichtig sein. Es ist richtig, dass die Arbeitskosten in Polen und Tschechien nur rund ein Drittel der ostdeutschen ausmachen. Man muss aber auch die im Durchschnitt höhere Produktivität in den Neuen Ländern dagegen rechnen ...
VDI nachrichten: ... außerdem erwarten Experten, dass in den kommenden Jahren in den Beitrittsländern die Löhne deutlich steigen werden.
Schmalholz: Ja, das ist anzunehmen. Hinzu kommt, dass die meisten ostdeutschen Unternehmen nicht tarifgebunden sind und deshalb auch bei den Arbeitskosten flexibler agieren können als viele westdeutsche Firmen.
VDI nachrichten: Im Klartext: Sie könnten notfalls die Löhne senken, um konkurrenzfähig zu bleiben?
Schmalholz: Ja, das ist in bestimmten Branchen nicht ausgeschlossen. Zu denken wäre aber auch an längere Arbeitszeiten; auf diese Weise würden die Arbeitskosten ja ebenfalls sinken. Vor allem bei einfachen Tätigkeiten wird der Druck auf die Löhne zunehmen. Zumal, wenn nach Ablauf der Übergangsfrist auch Arbeitskräfte aus den Beitrittsländern legal in Deutschland tätig werden dürfen.
VDI nachrichten: Wie viele werden dann kommen?
Schmalholz: Wir rechnen für Sachsen mit maximal 85 000 Zuwanderern und rund 30 000 Pendlern. Wobei ja noch völlig offen ist, wann die Grenzen fallen. Der späteste Termin ist der 1. Mai 2011.
VDI nachrichten: In Ihrer Studie plädieren Sie dafür, den deutschen Arbeitsmarkt schon früher zu öffnen. Würde das nicht zwangsläufig zu höherer Arbeitslosigkeit führen?
Schmalholz: Nein, im Gegenteil. Wir fordern ja auch keineswegs eine komplette Öffnung des Arbeitsmarktes. Die Bundesregierung sollte sich aber überlegen, ob sie nicht schon früher Fachkräfte ins Land lässt. Schon heute fehlen in vielen Branchen Facharbeiter und Ingenieure. Ostdeutschland leidet außerdem unter einem akuten Ärztemangel vor allem auf dem Land. Hinzu kommt, dass bis zum Ende des Jahrzehnts das Arbeitskräfteangebot allein in Sachsen um 250 000 Personen zurückgehen wird - bedingt durch die demographische Entwicklung und Abwanderung. Das ist eine Besorgnis erregende Entwicklung, die das Wachstum sächsischer Betriebe erschwert. Wir brauchen also qualifizierte Leute aus Polen und Tschechien. Die nehmen keine Arbeitsplätze weg, sondern helfen neue zu schaffen.
VDI nachrichten: Nach Ihrer Studie haben sich viele sächsische Unternehmer noch nicht mit den Folgen der Osterweiterung beschäftigt. Wie erklären Sie sich das?
Schmalholz: Viele glauben offenbar, dass ihr Geschäft von der Osterweiterung nicht betroffen sein wird. Andere stecken den Kopf in den Sand und hoffen, dass es schon irgendwie gut gehen wird ...
VDI nachrichten: ... beides könnte mit bösem Erwachen enden.
Schmalholz: Die Gefahr sehen wir auch. Deshalb ist Aufklärung ganz wichtig. Auch mit unserer Studie wollen wir dazu beitragen, dass sich die Unternehmen mit dem Thema auseinander setzen und vor allem auch die Chancen sehen, die sich ihnen künftig bieten.
VDI nachrichten: Wie lassen sich die Chancen nutzen?
Schmalholz: Kooperation ist ein Schlüsselwort. Die meist kleinen ostdeutschen Unternehmen sollten enger zusammenarbeiten, sich zu Netzwerken zusammenschließen. Dann fällt es leichter, in den Beitrittsländern aktiv zu werden, um die Absatzmärkte zu erschließen oder auch günstige Zulieferer zu gewinnen.
VDI nachrichten: Sie fordern in Ihrer Studie auch steuerliche Erleichterungen für Unternehmen und Reformen am Arbeitsmarkt. Warum?
Schmalholz: Es wäre gut, wenn die Politik ihren Beitrag leisten würde, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu steigern. Nehmen wir nur das Thema Unternehmenssteuern. Die Beitrittsländer haben in den vergangenen Monaten ihre Steuersätze deutlich reduziert. In Deutschland war das nicht in gleichem Umfang der Fall. Wenn unsere Unternehmen wachsen sollen, müssen sie aber investieren. Da die Kreditfinanzierung über die Banken immer schwieriger wird, bleibt oft nur die Selbstfinanzierung. Reinvestierte Gewinne sollten deshalb niedriger belastet werden. PETER SCHWARZ
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