VDI nachrichten, 25.01.2008, Nr. 4, S. 19
Kommt es in den USA zur Rezession, wird die Konjunktur weltweit leiden, meint Kai Carstensen, Bereichsleiter Konjunktur beim Ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. Für 2008 erwartet Carstensen, dass Investitionen, Exporte und Unternehmensgewinne in Deutschland weniger stark wachsen als im Vorjahr. Der private Konsum könnte die Binnenkonjunktur ankurbeln - falls die Lohnzuwächse im Schnitt unter 3 % blieben.
VDI nachrichten: Herr Prof. Carstensen, befindet sich die US-Wirtschaft bereits in einer Rezession?
Carstensen: Ob Abschwung oder Rezession, da gehen die Meinungen derzeit noch auseinander. Das Ifo Institut ist der Ansicht, dass eine Rezession nicht zwingend aber auch kein unwahrscheinliches Szenario ist. Immerhin weist das Wachstum des letzten vorliegenden Quartals 2007 noch fast 5 % aus. Der Auslastungsgrad der Industrie befindet sich auf hohem Niveau. Aber es gibt auch schlechte Nachrichten, z.B. die Entwicklung der Preise und Käufe am Immobilienmarkt die Arbeitslosenrate ist leicht gestiegen und der Einkaufsmanagerindex sendet bedenkliche Signale aus. Das Konjunkturbild ist derzeit noch durchwachsen.
VDI nachrichten: Wie stark schlägt die Schwäche der US-Wirtschaft erfahrungsgemäß auf die Weltwirtschaft durch?
Carstensen: Allgemein gilt, dass aufstrebende Länder wie China und Indien zulasten der USA an Gewicht gewinnen. Doch ich warne vor Übertreibungen: Die USA sind immer noch das wichtigste Land der Weltwirtschaft mit einem Anteil am Welt-Bruttosozialprodukt in Höhe von über 20 %. Jüngste Untersuchungen des IWF bestätigen dies und verweisen darauf, dass China noch nicht die Bedeutung hat, die dem Land oft zugeschrieben wird. Es ist also zu früh, zu sagen, dass sich die Weltkonjunktur von der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung weitgehend abkoppeln kann.
VDI nachrichten: Die amerikanische Regierung schnürt ein Konjunkturpaket über etwa 150 Mrd. $. Ist das für den Ernstfall ausreichend?
Carstensen: Wenn es wirklich schnell geht, kann das noch wirken. Aber wie es scheint, ist noch nicht einmal klar, welches Instrument überhaupt angewandt werden soll. Eine Reduzierung der Einkommensteuer ist noch Gegenstand der Diskussion. In den USA wurden früher bereits - an der Einkommensteuer bemessene - Schecks zur Stimulierung der Wirtschaft an die privaten Haushalte verschickt. Diese Maßnahme hat bei Haushalten mit niedrigem Einkommen schnell gegriffen. Allerdings waren das auch Haushalte, die nicht viel Einkommensteuer zahlten. Es ist die Frage, ob solche Steuererleichterungen den gewünschten Konsumeffekt bringen, zumal die Verschuldung der Haushalte heute hoch ist, und ein Großteil des Geldes auch zur Schuldentilgung verwandt werden könnte.
VDI nachrichten: Erwarten Sie nur eine Verlangsamung der Ausfuhren, oder könnten die deutschen Exporte im laufenden Jahr auch absolut abnehmen?
Carstensen: Nein, von einem realen Rückgang der deutschen Exporte gehen wir nicht aus. Da sind die Ausfuhrbeziehungen zu robust und auch der Welthandel wird real nicht sinken. Wir rechnen für 2008 mit einer Verlangsamung des Exportwachstums auf 5,6 %. Im Vorjahr waren es 8,0 %.
VDI nachrichten: Welche deutschen Branchen leiden am meisten unter der schwächeren amerikanischen Konjunktur bzw. einer schwächeren Weltwirtschaft?
Carstensen: Vor allem die Investitionsgüterindustrien - der Maschinenbau, die Autohersteller, aber auch die Chemie sind stärker betroffen.
VDI nachrichten: Welchen Anteil haben diese Branchen am deutschen Bruttoinlandsprodukt? Und wie wird sich das 2008 auf die Investitionstätigkeit und das gesamtwirtschaftliche Wachstum in Deutschland auswirken?
Carstensen: Der Anteil dieser Branchen am BIP dürfte sich etwa auf 9 % belaufen. Die Investitionstätigkeit wird sich 2008 allgemein spürbar verlangsamen. Wir rechnen mit 4,3 % Wachstum der Ausrüstungsinvestitionen - nach 7,8 % im Vorjahr. Für das volkswirtschaftliche Wachstum erwarten wir in diesem Jahr 1,8 % - nach 2,5 % in 2007.
VDI nachrichten: Kann die Binnenwirtschaft die Wachstumsverluste auffangen? Welche Rolle spielt der Konsum?
Carstensen: Eigentlich war im letzten Jahr bereits eine Konsumsteigerung angelegt - aber sie wurde durch die Mehrwertsteuererhöhung weitgehend abgeschöpft. Dadurch ist der Konsum des Staates angestiegen, aber der der privaten Haushalte ging zurück. Hinzu kam 2007 die immense Erhöhung der Rohstoffpreise. 2008 erwarten wir keine weiteren Steuererhöhungen und rechnen auch nicht mit größeren Preissteigerungen bei Rohstoffen. Das lässt für den privaten Konsum für 2008 Optimismus aufkommen, so dass die Binnenkonjunktur eine Belebung erfahren wird. Etwas skeptisch sehe ich allerdings die Kerninflation, falls die anstehenden Lohnabschlüsse zu hoch ausfallen sollten.
VDI nachrichten: Wie groß ist der Verteilungsspielraum in der kommenden Lohnrunde?
Carstensen: Sollten die Lohnforderungen des öffentlichen Dienstes oder der Lokführer von 8 % bzw. 11 % auch nur annähernd Wirklichkeit werden, dann müssen wir uns auf Preiserhöhungen einstellen, die die zusätzliche Kaufkraft der privaten Haushalte schnell wieder aufzehren. Der derzeitige Verteilungsspielraum dürfte Lohnabschlüsse von 2,5 %, maximal 3 % im Durchschnitt zulassen. Das wäre ein Lohnzuwachs von etwa 1 % real.
VDI nachrichten: Werden die Unternehmensgewinne 2008 an die guten Vorjahresergebnisse anschließen können?
Carstensen: Damit rechne ich nicht - weil wir insgesamt eine schwächere Konjunktur erwarten. Die Gewinne werden zwar nicht schrumpfen - aber die Steigerungsraten dürften im Durch- schnitt nur noch etwa 4,5 % erreichen, nach 5,4 % im Vorjahr.
VDI nachrichten: Wird die Subprime-Krise von den Banken auf die Realwirtschaft übergreifen? Ist die Kreditversorgung der Unternehmen gefährdet?
Carstensen: In den USA scheint das schon der Fall zu sein. In Deutschland sind bisher noch keine Fälle bekannt, in denen die Kreditversorgung der Unternehmen durch die Banken zurückgefahren worden ist. Sicherlich werden Kredite für sogenannte Mergers und Acquisitions nicht mehr so leicht vergeben. Aber die Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen oder auch an private Haushalte ist hierzulande bisher nicht eingeschränkt worden.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: