Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2002, S. 46
Heute spielt Deutschland gegen Südkorea um den Einzug ins WM-Finale. Dabei geht es um mehr als nur Sport. Die SZ befragte Wolfgang Nierhaus, Konjunkturexperte am Münchner Ifo-Institut, zu den ökonomischen Auswirkungen eines WM-Titels.
SZ: Der koreanische Staatspräsident Kim Dae-Jung sagt, der Erfolg auf dem Rasen sei ein "neuer Pfad zu nationalem Wohlstand". Hätte ein Titelgewinn auch in Deutschland ökonomische Effekte?
Nierhaus: Das lässt sich nur schwer sagen. Meines Wissens gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung, die sich mit diesem Thema beschäftigt hat. Vorstellbar wäre eine positive Wirkung auf die Volkswirtschaft aber durchaus.
SZ: Gibt es dafür Beispiele?
Nierhaus: Man sagt, dass der WM-Erfolg der Franzosen 1998 dem Land genützt hat. Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist in der Zeit tatsächlich eine Verbesserung der Konjunktur zu beobachten. Ein Zusammenhang wäre naheliegend; ob es ihn jedoch tatsächlich gegeben hat, bleibt Spekulation.
SZ: Hat nicht auch der WM-Gewinn 1954 Spuren hinterlassen?
Nierhaus: Ich kenne das nur aus Erzählungen. Aber es stimmt, dass das Wunder von Bern dem Land einen Ruck gegeben hat. Damals war die Situation aber anders. Deutschland hatte nach dem Krieg wenig Ansehen; für das Selbstbewusstsein war der Sieg 1954 deshalb wichtiger als heute.
SZ: Einen Ruck könnte Deutschland heute auch gebrauchen.
Nierhaus: Das stimmt. Beim Wachstum sind wir Schlusslicht in Europa, bei der Pisa-Studie haben wir ebenfalls nicht gut abgeschnitten. Bei so viel schlechten Nachrichten täte es gut, auch mal wieder die Nummer eins zu sein. Für Firmen hätte der Titel sicherlich keinen Einfluss auf Investitionsentscheidungen; aber der private Konsum könnte profitieren.
SZ: Das heißt, Klose schießt die Deutschen in Kauflaune? Dann werden besonders die Münchner Einzelhändler die Daumen drücken.
Nierhaus: Die derzeitige Konsumschwäche hat viele Gründe. Einer davon ist die Verunsicherung nach der Euro-Umstellung. Die Teuro-Debatte hat das Verbraucherklima negativ beeinflusst, da könnte so ein Sieg in der Nationalsportart Nummer eins schon einen Stimmungsumschwung bewirken. Wie spürbar dieser sein wird, weiß ich nicht. Auf einen richtigen Boom zu spekulieren, wäre wohl übertrieben. Am deutlichsten würden Sportartikel-Hersteller profitieren. Denn mit dem Slogan "Damit sind wir Weltmeister geworden" lassen sich Produkte hervorragend vermarkten.
SZ: Obwohl Deutschland im Halbfinale steht, ist die Stimmung nicht wirklich euphorisch.
Nierhaus: Wenn alle sagen: "Wir haben zwar gewonnen, aber die anderen waren besser", dann relativiert das den Erfolg. Ein glanzvoller Sieg hätte einen größeren Einfluss auf die Stimmung. Aber ich glaube, am Ende zählt der Pokal. Einen negativen Aspekt hat die Sache aber auch. Sollten wir gegen Korea gewinnen, wird das unsere Beliebtheit in Asien nicht unbedingt steigern. Manchen Firmen, die in den koreanischen und den chinesischen Markt exportieren, wäre eine Niederlage vielleicht sogar lieber.
SZ: Liegt das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft also in den Händen von elf Männern in kurzen Hosen?
Nierhaus: Sicher nicht. Man darf den Einfluss eines Erfolges nicht überschätzen. Die Konjunkturentwicklung entscheidet sich nicht auf dem Fußballplatz.
Interview: Martin Hammer
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