Münchner Merkur, 28.06.2007, Nr. 146, S. 2
Schon seit Jahrzehnten wird in Deutschland darüber diskutiert, Mitarbeiter an ihrem Unternehmen zu beteiligen. Denken Sie, dass der Investivlohn jetzt Wirklichkeit wird?
Die Arbeitnehmer brauchen Vermögensbildung. Sie müssen sich angesichts der steigenden Lebenserwartung besser gegen persönliche Risiken absichern und angesichts der Globalisierung stärker von der Dynamik des Kapitalmarktes profitieren können. Deshalb ist es wichtig, dass jetzt frischer Wind in dieses Thema kommt. Die Grundsatzfrage lautet: Findet man ein Modell für eine direkte Beteiligung der Mitarbeiter an ihrem Unternehmen, wie die Union es vorschlägt - oder soll sich hierfür auch der Staat engagieren, wie die SPD es fordert?
Welcher der beiden Wege ist besser?
Werding: Langfristige Anlagen mit nachgelagerter Besteuerung haben in Deutschland mittlerweile Tradition. Der Staat könnte Mitarbeiter-Beteiligungen zu höheren Beträgen als bisher steuerfrei stellen und diese ähnlich wie Spareinlagen zur Altersvorsorge erst in der Endphase besteuern. Das Unionsmodell würde deshalb gut in die Landschaft passen. Eine direkte Beteiligung könnte zudem die Mitarbeiter motivieren und die Produktivität erhöhen. Der sogenannte "Deutschland-Fonds" der SPD sieht dagegen vor, dass sich Mitarbeiter nicht direkt am Unternehmen beteiligen. Mit einem Investivlohn hat das nicht mehr viel zu tun. Ein nationaler Fonds würde vielmehr bedeuten, dass der Staat selbst Steuergelder in die Hand nimmt und dabei womöglich in Unternehmensentscheidungen eingreift. Ich bin skeptisch, ob das tatsächlich ein Fortschritt wäre.
Auch der Investivlohn der Union hat Nachteile: Die Arbeitnehmer tragen nicht nur das Risiko des Jobverlustes, sondern auch noch das des Kapitalverlustes.
Richtig, das ist der große Nachteil, der gegen die Vorteile abzuwägen ist. Unterm Strich ist deshalb eine flexible Gewinnbeteiligung oft besser als eine direkte Beteiligung am Eigenkapital des Unternehmens. Zum einen bestehen Risiken wie etwa der Konkurs der Firma, zum anderen kann die Rendite äußerst unbefriedigend sein. Anleger wollen ja von Ertragsmöglichkeiten profitieren. Und da ist das eigene Unternehmen nicht immer die beste Wahl.
Warum ist die deutsche Wirtschaft bisher so zurückhaltend? Bundesweit sind nur acht Prozent der Arbeitnehmer am Kapital ihrer Unternehmen beteiligt - im EU-Durchschnitt sind es doppelt so viele.
Den Mitarbeitern waren Mitbestimmungsrechte in der Vergangenheit oft wichtiger als direkte Beteiligungen. Befürchtet wurde, dass Investivlöhne den Spielraum bei Lohnverhandlungen einengen. Deshalb ist auch die Skepsis der Gewerkschaften ausgeprägt.
Welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen hätte ein Investivlohn, etwa auf das Wirtschaftswachstum?
Da muss man sehr genau hinschauen: Wird durch die Mitarbeiter-Beteiligung tatsächlich die volkswirtschaftliche Ersparnis erhöht oder kommt es lediglich zu einer Umschichtung? Wenn es tatsächlich gelingen würde, mehr Arbeitnehmer zu veranlassen, mehr Ersparnisse zu bilden, hätte dies bestimmt einen positiven Wachstumseffekt
Interview: Holger Eichele
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