Abendzeitung, 23. Juli 2002, S. 4
Angesichts der Bilanzskandale in den USA und den stetig sinkenden Aktienkursen warnen Fachleute bereits vor einer zweiten Weltwirtschaftskrise. Die AZ sprach dazu mit dem Chef der Münchner Ifo-Konjunkturumfragen, Gernot Nerb.
AZ: Droht uns tatsächlich eine Krise wie 1929?
GERNOT NERB: Diese Befürchtungen sind mit Sicherheit übertrieben. Die Zentralbanken haben seit der Weltwirtschaftskrise 1929 einiges dazugelernt. Damals verweigerten sie der Wirtschaft dringend nötiges Kapital. Heute lassen die Notenbanken keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie die Zinsen nötigenfalls senken würden, um einen Crash abzuwenden.
Aber die Börsen-Baisse kann den Firmen nicht egal sein.
Kommt darauf an: Etablierte Firmen sind nicht so sehr auf die Börse angewiesen. Neu gegründete Unternehmen dagegen tun sich zurzeit schwer, an Geld zu kommen. Dazu kommt die Verunsicherung bei den Konsumenten durch die Turbulenzen an den Börsen. Die Sparquote der privaten Haushalte steigt - und das ist das Gegenteil dessen, was wir in der momentanen Lage brauchen.
Kann die Börsen-Flaute den Aufschwung abwürgen?
Das glaube ich nicht. Die Konjunkturindikatoren in den USA und in Europa sprechen weiterhin dafür, dass sich der Erholungsprozess fortsetzt. Die Frage ist freilich, wie stark und wie schnell die Wirtschaft wieder anspringt.
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