Sächsische Zeitung, 09.07.2007, S. 23
Ifo-Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz sagt im SZ-Interview, dass einige sächsische Gemeinden sich auf ihr Schrumpfen nicht genug einstellen
Herr Ragnitz, in welche Richtung wollen Sie das Ifo-lnstitut in Dresden stärker profilieren? Mein Ziel ist es, .die Ost-Kompetenzen, die ich am IWH in Halle mit geprägt habe, hier am Ifo Dresden neu aufzubauen. Das Ifo Dresden hat sich bisher vor allem auf Konjunktur- und Arbeitsmarktanalysen in Sachsen konzentriert. Ich würde verstärkt auch analysieren, welche Anpassungserfordernisse in den einzelnen Regionen notwendig sind und wie die verschiedenen Branchen auf Veränderungen der globalen Rahmenbedingungen reagieren müssen. Auch ist die Demografieforschung, wie ich sie betreibe, mehr auf reale Konvergenz ausgerichtet.
Was bedeutet das? Wenn die Menschen im Durchschnitt älter werden, hat dies ungünstige Auswirkungen auf die Innovationstätigkeit - zum Beispiel weil ältere Personen risikoscheuer sind oder weil ihre Ausbildung länger zurückliegt. Das wird dazu führen, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland tendenziell geschwächt wird. Mancherorts wird es schwierig werden, überhaupt noch wirtschaftliche Aktivitäten zu organisieren, weil die benötigten Fachkräfte fehlen. Wenn die Menschen fehlen, geht auch die lokale Nachfrage zurück. Das alles wird zu gewaltigen Anpassungsprozessen führen, die bestimmte Regionen noch weiter entleeren werden, mit Folgen für Schulwesen, Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit. Es gibt da bereits eine breite Diskussion, wie man damit umgehen kann; es gibt aber auch noch erheblichen Forschungsbedarf. Da kann sich das Ifo Dresden stärker einbringen.
Sachsen will beim Demografiethema Vorreiter werden. Ständig finden Konferenzen dazu statt. Bleibt es beim Reden, oder steuert der Freistaat der Entwicklung genügend entgegen? Sachsen ist sicher das Bundesland, das am ehesten die Dramatik des demografischen Wandels erkannt hat. Der Ministerpräsident gab frühzeitig Gutachten in Auftrag, veranstaltete schon zwei Demografie-Gipfel, der Landtag hat eine Enquete-Kommission zum Thema. Die Staatsregierung hat auch schon einige Dinge in Angriff genommen. So ist zum Beispiel die geplante Kreisgebietsreform auch als Reflex auf die demografische Entwicklung zu verstehen. Auf der lokalen Ebene ist dagegen noch nicht ganz angekommen, welche Probleme auf die Kommunen zukommen. Da besteht noch Nachholbedarf. So muss in einigen Kommunen mit Illusionen auf bestimmte Wachstumschancen aufgeräumt werden und stattdessen vermittelt werden, Schrumpfungsprozesse zu organisieren.
Was sind die ersten Forschungsprojekte, denen Sie sich widmen werden? Zuerst steht ein Projekt im Auftrag des Bundesbauministeriums an. Da geht es darum, die Standortbedingungen für Ostdeutschland mit anderen Regionen in der Welt zu vergleichen, zum Beispiel in Mittel- und Osteuropa, China oder auch in Deutschland. Ziel ist es, die Standortwerbung zu verbessern, aber auch Hinweise darauf zu geben, wie Ostdeutschland für Investoren attraktiver werden kann. In einem anderen Projekt untersuchen wir die Förderfähigkeit für Großansiedlung in sensiblen Branchen. Hintergrund sind dabei Überlegungen von AMD, ein neues Werk in Dresden anzusiedeln oder alternative Standorte zu bevorzugen. Hier gilt es herauszufinden, ob Gründe dafür sprechen,, von den restriktiven Beihilferegelungen der EU-Kommission abzugehen - sodass auch höhere Subventionen für internationale Ansiedlungen gezahlt werden können.
Sachsen kann die Beihilferegelungen ja nicht einfach übergehen. Geht es also darum/Argumente für Änderungen der Beihilfe-Politik zu liefern? Wir müssen überlegen, inwieweit bei Investitionen, die im internationalen Standortwettbewerb stehen, die Beihilferegelungen der EU überhaupt sinnvoll sind. Dabei geht es ja nicht um einen möglicherweise unlauteren Wettbewerb zwischen Brüssel und Dresden, den die Beihilfekontrolle der EU verhindern will, sondern um einen Wettbewerb zwischen New York und Dresden, für den bisher überhaupt keine allgemein anerkannten Regeln gelten. Genau das soll die Studie untersuchen.
Bietet es sich im Standortwettbewerb nicht an, sich international als größere Region zu vermarkten? Das Ifo Dresden wird in weiten Teilen vom Freistaat finanziert, also muss die Forschung für Sachsen natürlich im Mittelpunkt stehen. Aber in mancherlei Hinsicht ist die rein sächsische Sicht auch zu eng. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind ein gemeinsamer Wirtschaftsraum. Viele strukturschwache Regionen in diesen Bundesländern haben die gleichen Probleme. Mein Ziel ist es, auch Lösungswege für Probleme zu entwickeln, die alle drei Bundesländer betreffen, sodass das Ifo Dresden sich eher als ein mitteldeutsches Forschungsinstitut etabliert. Und wenn es gelingt, auch verstärkt in den übrigen ostdeutschen Bundesländern zu agieren, dann kann das für uns auch nur von Vorteil sein.
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