Süddeutsche Zeitung online, 05.12.2006
Noch vor kurzem war die Sorge groß, Firmen würden massenweise aus Deutschland abwandern. Doch jetzt reden alle vom Aufschwung. Warum das so ist und ob auch die Arbeitnehmer davon profitieren. Ein Interview mit Klaus Abberger*) vom ifo-Institut.
sueddeutsche.de: In den letzten Wochen ist ein deutlicher Stimmungsumschwung erkennbar geworden. Die Politik spekuliert über Gehaltserhöhungen, selbst im Arbeitgeberlager mehren sich die Stimmen, dass die Beschäftigten angemessen an den Unternehmenserfolgen beteiligt werden sollten. Können Sie uns den Stimmungswandel erklären?
Klaus Abberger: Die Stimmung war schon zu Jahresbeginn sehr gut. Doch dann rückte die Diskussion um die Mehrwertsteuererhöhung zunehmend in den Blickpunkt und damit stieg die Unsicherheit über den weiteren Konjunkturverlauf. In den letzten Wochen hat sich aber die Meinung durchgesetzt, dass die höhere Mehrwertsteuer den Aufschwung wohl nicht abwürgen wird.
sueddeutsche.de: Vor kurzem hieß es noch, die Firmen würden lieber heute als morgen Deutschland verlassen ...
Abberger: Die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten beiden Jahren war überwiegend vom Export getrieben - mit einer höchst unbefriedigenden Inlandsnachfrage. In diesem Jahr beobachten wir hingegen, dass die Unternehmen tatsächlich wieder in Deutschland investieren. Viele hatten befürchtet, dass die Unternehmen den Standort Deutschland nicht mehr stützen würden. Jetzt zeigt sich: Es tut sich etwas.
sueddeutsche.de: Wieviel ist „etwas“? Dürfen Deutschlands Arbeitnehmer wieder Zuversicht schöpfen? Immerhin werden neue Arbeitsplätze geschaffen ...
Abberger: Ich würde die allgemeine Euphorie gerne etwas bremsen. Wir vom ifo-Institut sind zwar schon sehr lange optimistisch, was die Konjunktur anbelangt. Gleichwohl gibt es natürlich Strukturprobleme, auch auf dem Arbeitsmarkt. Firmen klagen trotz der hohen Arbeitslosigkeit über Fachkräftemangel. Da ist also noch lange nicht alles in Butter.
sueddeutsche.de: Die Politik will jetzt aber höhere Gehälter sehen ...
Abberger: Nun, die Investitionen sind natürlich noch nicht auf dem Niveau früherer Aufschwünge. Daher sollte sich die Politik jetzt zunächst weiter um bessere Rahmenbedingungen für Investitionen bemühen.
sueddeutsche.de: Das heißt, die Arbeitnehmer müssen noch einige Zeit waren, bis der Aufschwung bei Ihnen ankommt?
Abberger: Man muss da zwischen Gewinnbeteiligungen und regulären Lohnerhöhungen unterscheiden. Einmalzahlungen in Form von Gewinnbeteiligungen können durchaus machbar sein, doch wenn bei den regulären Löhnen kräftig zugelangt wird und dadurch die Investitionen ausgebremst werden, ist das nicht der richtige Weg. Ich denke, es wird bei den nächsten Lohnverhandlungen allenfalls zu moderaten Lohnerhöhungen kommen.
sueddeutsche.de: Was bedeutet moderat?
Abberger: Ich will da keine Zahlen nennen. Doch nachdem die Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren häufig noch nicht einmal die Inflation ausgeglichen hatten, könnte es bei den nächsten Tarifrunden auch mal real wieder einen leichten Zuwachs geben.
sueddeutsche.de: Andererseits kommen auf die Bürger im kommenden Jahr auch erhebliche Mehrausgaben zu. Lässt sich abschätzen, ob in den unteren und mittleren Einkommensgruppen auf Sicht von zwölf Monaten mehr oder weniger Geld zur Verfügung stehen wird?
Abberger: Nein, das ist kaum möglich.
sueddeutsche.de: Manche Ökonomen gehen davon aus, das Stimmungen sich verselbstständigen. Demnach könnte wachsende Zuversicht eine positive Konjunkturentwicklung fördern. Ist das jetzt auch der Fall?
Abberger: Die Stimmung spielt sicher eine Rolle. Aber man darf das nicht allein darauf reduzieren. Wenn ein Unternehmer Geld in die Hand nimmt, um zu investieren oder Personal einzustellen, wird er das schon genau kalkulieren. Eine gute Stimmung mag aber das Zutrauen fördern, dass es sich beim konjunkturellen Aufschwung nicht um ein kurzes Strohfeuer handelt.
Klaus Abberger ist Bereichsleiter Unternehmensbefragung beim ifo-Institut München und damit unter anderem für den ifo-Index, das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, zuständig.
(Interview: Hans von der Hagen)
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