FAZ.NET, 18.12.2001
29. Nov. 2001 An jedem dritten Mittwoch im Monat gehört die Aufmerksamkeit der Akteure an den Finanzmärkten hierzulande dem ifo-Geschäftsklimaindex (siehe untenstehende Grafik). Als Frühindikator mit breiter Datenbasis versprechen sich die Marktteilnehmer gewinnbringende Hinweise auf die weitere Konjunkturentwicklung. So wird es auch bei der nächsten Veröffentlichung am 17. Dezember 2001 wieder sein.
Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt Gernot Nerb, Bereichsleiter Unternehmensbefragungen beim ifo Institut für Wirtschaftsforschung, warum der Index so stark beachtet wird. Er spricht zudem über seine Stärke und Schwäche und wie er von Privatanlegern bei den Anlageentscheidungen eingesetzt werden kann.
Herr Nerb, wo liegen die Stärken und Schwächen des ifo-Index?
Die Stärken liegen darin, dass man mit ihm einen guten Frühindikator mit einem Vorlauf von sechs Monaten an den oberen konjunkturellen Wendepunkten hat. Am unteren Wendepunkt haben wir nur einen Vorlauf von zwei bis drei Monaten, was vielleicht eine gewisse Schwäche ist. In der aktuellen Situation haben wir also nur einen geringeren Vorlauf. Das erklärt sich daraus, dass die Auftragsbestände bei den Firmen schon abgeschmolzen sind. Kommen dann Signale vom Auslandsgeschäft oder durch die Geldpolitik etc., dann bekommt man zwar ebenfalls noch einen Vorlauf. Aber der ist unten eben kürzer, weil die Signale sofort in der Produktion umgesetzt werden.
Insgesamt sind wir mit dem Indikator aber sehr zufrieden. Man muss nur wissen, dass der maximale Vorlauf auch an den oberen Wendepunkten maximal ein halbes Jahr beträgt. Will man darüber hinausgehende Prognosen machen, dann müssen die Modelle erweitert werden um Szenariotechniken oder ähnliches. Der ifo-Index eignet sich für die kurzfristige Prognose, was aber mit das wichtigste und schwierigste ist, um die Wendepunkte mitzubekommen. Für Ein- oder Zweijahresprognosen eignet er sich weniger.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Konjunkturindikatoren in Europa?
Bei uns ist das Geschäftsklima der Hauptindikator, denn da kommt sehr stark die gegenwärtige und zukünftige Gewinnerwartung zum Ausdruck und das ist in einer Marktwirtschaft das A und O. Wichtig ist auch die Kapazitätsauslastung. Hinzu kommen der Auftragseingang und Auftragsbestand sowie die Preiserwartungen. So werden in einer konjunkturellen Schwächephase die Unternehmen oft zu Preiszugeständnissen gezwungen, was die Margen drückt. Das ist auch derzeit noch zu beobachten.
Sobald sich Preiserhöhungsspielraum ergibt, ist dies ein sehr guter Frühindikator. Der Arbeitsmarkt ist ebenfalls wichtig, aber nur ein nachlaufender Indikator. Die Leute werden erst freigesetzt, wenn es schon schlechter geworden ist oder wenn es wieder etwas bergauf geht. Bei totaler Flexibilität am Arbeitsmarkt wäre seine Aussagekraft als Frühindikator höher. Durch die Hire and Fire-Mentalität gibt der Arbeitsmarktbericht in den USA etwas mehr her als in Europa.
Sehen Sie im Reuters-Einkaufsmanagerindex einen Konkurrenten für den ifo-Index?
Unser Indikator basiert auf über 7.000 Unternehmensmeldungen jeden Monat. Der Reuters-Indikator basiert vermutlich auf Umfragen bei rund 300 Firmen. Eine unsere Stärken besteht auch darin, dass wir sehr stark in die einzelnen Produktbereiche runter gehen. Da sehe ich genau, wo die Veränderungen herkommen. Das Netzwerk ist sehr fein, und kann nicht so einfach ersetzt werden.
Es gibt aber natürlich auch andere gute Frühindikatoren wie der Reuters Einkaufsmanagerindex. Aber es wird mit den Einkaufsmanagern nur eine spezielle Gruppe befragt. Die bekommen zwar früh mit, wie der Hase läuft. Da die Einkaufsmanager aber nicht so sehr über die Investitionsentscheidungen bestimmen, ist er mehr auf die Gegenwart oder in die jüngste Vergangenheit gerichtet und nicht so sehr auf die Erwartungen. Deshalb glauben wir schon, dass unser Index umfassender und auch differenzierter ist.
Wie können Privatanleger den ifo-Index für ihre Anlageentscheidungen nutzen?
Das Geschäftsklima und die Geschäftserwartungen geben als Gewinnindikator schon Hinweise wie gut oder schlecht es der Wirtschaft allgemein oder einzelnen Branchen geht. Dies wird sich auch mit einer gewissen Verzögerung in den Aktienkursen niederschlagen. Den letzten Höhepunkt beim ifo-Index haben wir im Mai 2000 verzeichnet und seitdem ist er kontinuierlich gefallen. Auch wer erst nach drei bis vier Monaten reagierte und im Herbst ausgestiegen ist, hätte viel Geld gespart. Andererseits steigt man bei unteren Wendepunkten vielleicht etwas zu spät ein. Auch jetzt hat der Index erst begonnen, sich zu stabilisieren. Die erste Gewinne nehme ich vielleicht nicht mit. Aber vielleichjt ist es für Privatanleger auch besser, auf den endgültigen Dreh zu warten und nicht gleich auf die spekulativen Erstgewinne zu setzen.
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