Abendzeitung, 08.05.2006,Nr. 105/19, S. 7
AZ: Was kritisieren Sie am dreigliedrigen Schulsystem?
LUDGER WÖSSMANN: Länder, die wie Deutschland früh in die Mehrgliedrigkeit gehen, haben eine stärkere Ungleichheit der Bildungsleistung. Der Abstand vom Besten zum Schwächsten nimmt zu. Das hat die Pisa-Studie ergeben.
Woran liegt das?
Die Abhängigkeit der Schülerleistung vom familiären Hintergrund ist in diesen Ländern stärker. Wenn man früh aufteilt, ist die Bildung der Kinder davon abhängig, was sie von zu Hause mitbekommen. Da macht es einen großen Unterschied, ob man aus einem bildungsfernen Hintergrund kommt oder aus einer Akademikerfamilie.
Was sind die Folgen?
Im krassesten Fall sind die Folgen so, wie wir sie an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln sehen. In vielen Bundesländern droht die Hauptschule zu einer Rest-Schule zu verkommen, in der nur die Kinder aus bildungsfernen Familien sind. Dort fehlt eine Perspektive, was Schule für sie noch bringen kann.
Muss die Hauptschule abgeschafft werden?
In einigen Bundesländern würde das Sinn machen. Denkbar ist eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule.
Was muss getan werden?
Man sollte die Grundschule verlängern und damit eine Art Gemeinschaftsschule schaffen. Länder, die erst mit 16 oder 18 Jahren die Schüler nach Schularten einordnen, machen damit sehr gute Erfahrungen.
Warum dann keine Gesamtschule?
In der Pisa-Studie haben wir gesehen: Die Gesamtschulen schneiden weit unterhalb der Realschulen ab. Es geht eher um Vorstellungen wie Gemeinschaftsschule oder Einheitsschule: Die Kinder sollen länger zusammengehalten werden, nach ihren Fähigkeiten gefördert und gefordert werden. Kinder aus bildungsfernen Hintergründen können so die Möglichkeit bekommen, aufs Gymnasium und später auf die Uni zu gehen. Da wird in Deutschland im Moment viel Potenzial vertan.
Interview: vth
Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!
Telefon: +49(0)89/9224-1218 Fax: +49(0)89/9224-1267
Presseecho
Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen unter Politikdebatte: