Junglehrer, 4/2005, Nr. 3, S. 9
Gabriela Schütz ist Doktorandin am ifo Institut in München und arbeitet auf dem Gebiet der Bildungsökonomik. Im Zusammenhang mir ihrer Dissertation beschäftigt sie sich v.a. mit der Chancengleichheit von Bildungssystemen.
Frau Schütz, Sie haben empirisch nachgewiesen, dass sich sowohl der soziale Hintergrund als auch die Aufspaltung in verschiedene Schultypen, das sog. tracking, auf die Bildungs- bzw. Chancengleichheit der Schüler auswirken. Können Sie uns das näher erläutern?
Der soziale bzw. familiäre Hintergrund beeinflusst die Bildungschancen der Schüler. Das ist zunächst einmal ganz natürlich. Eltern, die selbst über eine hohe Bildung verfügen, werden ihren Kindern viel eher den Wert einer guten Bildung vermitteln, sie zum Lesen animieren, mit ihnen Museen besuchen und sie in ihren schulischen Bemühungen unterstützen, als das Eltern mit geringerem Bildungsstand können. Das ist in jedem Schulsystem der Fall. Anhand der TIMSS Daten konnten wir allerdings nachweisen, dass der Zusammenhang zwischen schulischem Erfolg und familiärem Hintergrund in den verschiedenen Ländern, die an den TIMSS Studien teilnahmen, unterschiedlich stark ist. So ist dieser Zusammenhang z.B. in Frankreich weniger stark ausgeprägt als in Deutschland. Wir haben die Stärke dieses Zusammenhangs in unserem Artikel als Effekt des familiären Hintergrunds (FBE) bezeichnet und als ein Indikator für die innerhalb des Schulsystems verwirklichte Chancengleichheit interpretiert. Ein hoher FBE bedeutet einen starken Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Schülerleistung und gleichzeitig eine geringe Chancengleichheit. Als nächstes haben wir dann untersucht, welche Merkmale von Schulsystemen die Stärke dieses Zusammenhangs beeinflussen. Mögliche Kandidaten waren aus unserer Sicht die Einschulungsquoten im vorschulischen Bereich, die Dauer dieser vorschulischen Programme und vor allem das Alter der Kinder bei der ersten schulischen Selektion, d.h. in Deutschland das Alter der Kinderheim Obergang von der Grundschule auf weiterführende Schulformen. Für alle drei Merkmale fanden wir auch tatsächlich einen statistisch signifikanten Einfluss auf den Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Schülerleistung.
Von welcher Art wären diese Zusammenhänge?
Eine höhere Einschulungsquote im Vorschulbereich wirkt sich negativ auf den Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Schülerleistung aus, ebenso ein späteres Tracking.
Wie kann man diese Zusammenhänge erklären?
Kinder erfahren ihre erste Sozialisierung innerhalb ihrer Familie und die Familie bestimmt maßgeblich das von den Kindern bis zu deren Einschulung erworbene Wissen. Dabei werden Kinder je nach sozialer Herkunft ein unterschiedliches Wissen in unterschiedlichem Umfang erwerben. Das Schulsystem kann diese Unterschiede erst ausgleichen, nachdem die Kinder eingeschult wurden. Je weniger Zeit zwischen der Einschulung und der ersten schulischen Selektion liegt, desto weniger Zeit hatte das Schulsystem diese anfänglichen Unterschiede auszugleichen. Wenn man die Schüler unterschiedlicher sozialer Herkunft längere Zeit gemeinsam unterrichtet, haben die Schüler mehr Zeit, ihre wahren Fähigkeiten zu entwickeln - auch wenn die Familie natürlich weiterhin einen großen Einfluss auf die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder hat, wird dieser Einfluss doch über die Schule abgemildert.
Welche Forderungen an die Bildungspolitik in Bayern leiten Sie daraus ab?
Man muss die Einschulungsquoten, also den Prozentsatz eines Jahrgangs, der die entsprechende Einrichtung besucht, im vorschulischen Bereich erhöhen und dabei vor allem Kinder sozial schwächerer Familien mit einbeziehen. Außerdem sollte nicht bereits nach vier Jahren eine Entscheidung bezüglich der weiterführenden Schulen getroffen werden. Das ist zu früh und benachteiligt systematisch Schüler von niedrigerer sozialer Herkunft.
Eine frühe Selektion - wie beispielsweise die Auslese in der Grundschule des Bayerischen Schulsystems - verhindert die Chancen- und Bildungsgleichheit. Welche Änderungen sind in Ihren Augen notwendig, um ein gerechteres Schulsystem herzustellen?
Man sollte in Deutschland auf jeden Fall die Dauer der Grundschule verlängern, damit die Entscheidung zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium nicht mehr so stark vom familiären Hintergrund der Schüler abhängt.
b>Frau Schütz, vielen Dank für das Gespräch!
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