DIE ZEIT, 27.07.2006, 31/2006, S. 21
Trotz des hohen Ölpreises: Die Wirtschaft wächst weiter, sagt Konjunkturforscher Gebhard Flaig.
DIE ZEIT: Herr Flaig, der Ölpreis schraubt sich immer höher. Macht Sie das nervös?
Gebhard Flaig: Nein. Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass die Gefahren einer Ölpreiserhöhung heute viel geringer eingeschätzt werden. Wir leben in einer anderen Welt als in den siebziger Jahren. Damals bremsten höhere Ölpreise die Konjunktur immer stark, heute nicht.
ZEIT: Wie erklären Sie das?
Flaig: Die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Öl ist heute wesentlich geringer. Der Einsatz von Öl je Einheit des Bruttoinlandsprodukts hat sich in allen Ländern, auch in Deutschland, in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Und es kommt hinzu: Die Gewerkschaften haben gelernt, dass man Kaufkraftverluste bei den Verbrauchern nicht einfach durch höhere Löhne kompensieren kann, weil das nur auf Kosten höherer Arbeitslosigkeit ginge. Also erleben wir auch keine Lohnpreisspirale wie in den siebziger Jahren.
ZEIT: Fließen denn die Petrodollar aus den Ölförderländern nach Deutschland zurück?
Flaig: Ja, und zwar in weit größerem Umfang als früher. Das kompensiert teilweise den heimischen Nachfrageausfall.
ZEIT: Sehen Sie ein Inflationsrisiko, vor allem in den USA?
Flaig: Das existiert immer. Aber die Inflationserwartungen sind noch relativ niedrig, das ist entscheidend.
ZEIT: Die Zinsen in den USA sind schon sehr hoch, in Euroland werden sie wohl noch steigen. Wird damit nicht die Konjunktur abgebremst?
Flaig: Das ist ein Gang auf dem Grat. In den USA hat die Zentralbank ab 2001 eine sehr expansive Politik mit niedrigen Zinsen gestützt. Dann musste sie von dem niedrigen Niveau wieder hochkommen. Da muss man abwarten.
ZEIT: Keine Angst also vor tiefen Bremsspuren?
Flaig: Sowohl in Amerika als auch in Europa ist der Zins jetzt praktisch auf einem Niveau, das der Aufschwungsphase angemessen ist. Nicht jede Zinserhöhung führt gleich zum Einbrechen der Konjunktur. Andererseits wollen wir keinen Superboom mit starker Inflation.
ZEIT: Der Euro-Kurs ist hoch, damit werden deutsche Exporte teurer. Gefährdet das den Boom der Ausfuhren?
Flaig: Das wird nicht dramatisch werden. Ein Kurs von 1,30 Dollar für den Euro ist zu verkraften.
ZEIT: Benzin und Heizöl sind bereits sehr teuer. Ist mit diesem Entzug von Kaufkraft die endlich etwas stärkere Konsumnachfrage schon wieder am Ende?
Flaig: Das hängt davon ab, wie lange die hohen Preise anhalten. Ich gehe davon aus, dass sie wieder sinken; damit bliebe der Effekt auf die Konsumnachfrage gering. Der Ölpreis darf aber nicht auf 80 Dollar verharren.
ZEIT: Soll der Staat eingreifen und beispielsweise die Mineralölsteuer senken?
Flaig: Steuern sollte man nicht reduzieren, um die Konjunktur zu stützen. Da kann man vielleicht kurzfristig einen Zehntelpunkt Wachstum gewinnen. Aber auf längere Sicht überwiegen die negativen Effekte von Ungewissheit und schwankenden Steuersätzen.
ZEIT: Was ist Ihre Wachstumsprognose für 2006?
Flaig: Wir haben im Juni 1,8 Prozent Wachstum für das Bruttoinlandsprodukt prognostiziert. Daran halten wir fest.
Gebhard Flaig ist Wirtschaftsprofessor, er leitet die Konjunkturabteilung am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München.
Die Fragen stellte Klaus-Peter Schmid
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