Die Welt, 13. September 2001, S. 12
Willi Leibfritz erwartet nach den Terroranschlägen in den USA kein Abgleiten in eine Weltwirtschaftskrise. Dies hänge allerdings maßgeblich davon ab, ob sich die politische Situation stabilisiere, erläutert der Leiter der Konjunkturabteilung des Münchener Ifo-Instituts. Mit ihm sprach Peter Hahne.
DIE WELT: Herr Leibfritz, werden die Terroranschläge die USA und mit ihr die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzen?
Willi Leibfritz: Man kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht allzu viel sagen. Alles hängt davon ab, wie nachhaltig die Reaktionen an den Märkten sein werden. In den vergangenen Stunden haben wir Panik- und Schockreaktionen gesehen. Der Ölpreis ist gestiegen, in Europa sind die Börsen eingebrochen - ähnliches wird, wenn an der Wall Street der Handel wieder aufgenommen wird, auch für die USA erwartet. Wenn diese Entwicklungen anhalten, dann könnte dies in der Tat verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.
DIE WELT: Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Rezession?
Leibfritz: Wie gesagt, alles hängt davon ab, wie nachhaltig die Auswirkungen der Schockwelle sein werden und ob es zu einer Zuspitzung der Krise im Nahen Osten kommt. Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass die Panik in den nächsten Tagen nachlassen wird. Voraussetzung ist allerdings, dass keine weiteren Anschläge verübt werden und es nicht zu einer Eskalation der Gewalt im Nahen Osten kommt.
DIE WELT: Welche Szenarien sind denkbar?
Leibfritz: Wenn sich die Märkte in den nächsten Tagen beruhigen und der Ölpreis auf lange Sicht nicht maßgeblich steigt, dürften die Auswirkungen dieses schlimmen Terroranschlags auf die Konjunktur eher gering sein. Wenn es aber zu einer Eskalation kommt bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, würde gewiss auch der Ölpreis deutlich nach oben getrieben. Das wiederum hätte einen nachhaltigen Effekt auf die Weltkonjunktur. Alles hängt davon ab, wie sich die politische Lage entwickelt und vor allem, wie die Amerikaner auf die Anschläge reagieren werden. Wenn es aber nicht zu weiteren Eskalationen kommt, erwarte ich, dass sich auch der Ölpreis wieder normalisiert.
DIE WELT: Welches sind neben dem Ölpreis die weiteren Faktoren, die die Konjunktur belasten könnten?
Leibfritz: Eine weitere Gefahr geht von der ohnehin schon labilen Konjunktur in den USA aus. Dort haben sich die Konsumausgaben in den vergangenen Monaten ja relativ robust entwickelt und so als Stütze für die schwächelnde US-Wirtschaft gewirkt. Wenn allerdings die Börsen einbrechen sollten und die Amerikaner ihre Konsumausgaben deutlich einschränkten, träfe das die US-Wirtschaft und auch die Weltkonjunktur zusätzlich. Aber, um es noch einmal zu betonen: Auch die Entwicklung an den Börsen hängt davon ab wie nachhaltig der Schock sein wird und wie sich die politische Situation in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln wird. Die ersten Reaktionen aus dem Nahen Osten deuten nicht darauf hin, dass sich die Situation dort massiv zuspitzt. Die Verantwortlichen haben sehr besonnen reagiert. Es ist ja auch nicht auszuschließen, dass man dort vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse nun zu mehr Vernunft kommt. Von daher hoffe und erwarte ich auch, dass es nicht zu einem so nachhaltigen Börsencrash kommen wird, der die Konjunktur in die Tiefe reißen könnte.
DIE WELT: Ein Verdächtiger für die Anschläge ist der saudiarabische Extremist Osama bin Laden, der bei den Taliban in Afghanistan Unterschlupf gefunden haben soll. Vergeltungsschläge der USA auf Afghanistan werden nicht ausgeschlossen. Welche Auswirkungen könnten solche Militärschläge auf die Wirtschaft haben?
Leibfritz: Schwer zu sagen, es kommt auf das Ausmaß an. Bei den früheren Vergeltungsschlägen haben sich die Irritationen an den Märkten relativ schnell wieder gelegt.
DIE WELT: Ist nicht allein die offensichtliche Ohnmacht der stärksten Volkswirtschaft der Welt nicht schon Grund genug für eine Konjunkturkrise?
Leibfritz: Wir sind jetzt natürlich in einer Phase großer Unsicherheit und Nervosität, die generell negativ für die Wirtschaft ist. Die Unternehmen etwa haben es in einer solchen Phase schwer, vorausschauend zu planen. Auch wenn zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur schwer Voraussagen gemacht werden können: Ich gehe nicht davon aus, dass die Wirtschaft in eine allgemeine Schockstarre verfallen wird.
DIE WELT: Müssen die Notenbanken der Konjunktur nun auf die Sprünge helfen?
Leibfritz: Bei stärkeren Kurseinbrüchen an den Börsen - wie etwa beim Crash 1987 - haben die Federal Reserve und auch die europäischen Notenbanken die Zinsen immer massiv gesenkt. Wenn es also zu nachhaltigen Kursrückschlägen kommt, dürften auch die Notenbanken die Zinsen noch stärker und schneller senken, als dies ohnehin schon zu erwarten ist.
DIE WELT: Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich die Amerikaner unter dem Eindruck der Ereignisse in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht stärker isolieren?
Leibfritz: In wirtschaftlich schlechten Zeiten ist die Gefahr des Isolationismus immer größer. Gerade die Amerikaner neigen in solchen Phasen zu mehr Protektionismus. Dafür gab es in den vergangenen Monaten sehr wohl einige Anzeichen. Auf der anderen Seite aber sehen die Amerikaner auch, dass Europa bei der Bekämpfung des Terrorismus fest an ihrer Seite steht. Darum dürfte auch US-Präsident George Bush einsehen, dass es nichts nützt, sich in eine Wagenburg zurückzuziehen und dass es auch für die Amerikaner von Vorteil ist, den Terrorismus gemeinsam zu bekämpfen. Darum erwarte ich auch nicht, dass sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den westlichen Ländern durch diesen Anschlag verschlechtern werden. Dies wäre ja ein zusätzlicher Triumph für den Terrorismus und dies sollte man unbedingt vermeiden.
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