Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2008, Nr. 24, S. B1
Wie kaum ein anderer Gegenstand spaltet das Thema Privatschulen die schulpolitische Diskussion in zwei ideologische Lager. Für die einen sind Privatschulen ein wichtiger . Bestandteil einer freiheitlichen Gesellschaft, der zudem hoch den Wettbewerb um beste Lösungen stimuliert. Für die anderen befördern Privatschulen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu Lasten benachteiligter Kinder. Aber die beste Gestaltung unseres Schulsystems ist kein Thema für ideologische Glaubenskämpfe. Ob Privatschulen zu besseren Leistungen oder zu größerer Ungerechtigkeit rühren, ist keine Glaubensfrage, sondern lässt sich durch Fakten beantworten. Es geht nämlich nicht um. Wunschwelten von Ideologen, sondern darum, ob und welche Schüler besser lernen würden, wenn es mehr Privatschulen gäbe.
Eine weitverbreitete Ansicht lautet: „Die öffentliche Hand zahlt für die Schulen, darum sollte sie sie auch leiten." Das ist einer der großen Irrtümer der Schulpolitik. Anstatt das Thema durch die ideologische Brille zu betrachten, müssen wir ausschließlich die Fakten sprechen lassen.“ Die geben ein klares und interessantes Bild: Bei allgemeiner staatlicher Finanzierung der Schulen führen nichtöffentlich geleitete Schulen durch Wettbewerb zu einem höheren Leistungsniveau für alle Schüler.
Anreize schaffen
Wir müssen bei der Rolle von Staat und Markt also zwischen Trägerschaft und Finanzierung der Schulen unterscheiden. Komplexe bildungsökonomische Analysen der internationalen Vergleichsstudien - ob TIMSS oder die verschiedenen Pisa-Studien - belegen eindeutig und wiederholt, dass es den Schülerleistungen guttut, wenn mehr Schulen in nichtöffentlicher Trägerschaft im Angebot sind. Konkurrieren unterschiedliche Schulen um die Gunst der Eltern, dann können diese die aus ihrer Sicht beste Wahl für ihre Kinder treffen, und schlechte Schulen verlieren ihre Schüler. Das schafft Anreize, die Sache möglichst gut zu machen. Darum zeigt es sich auch, dass gerade die öffentlichen Schulen besser werden, wenn sie mit privaten Schulen konkurrieren müssen. Wettbewerb ist also auch im Schulsystem nichts Böses, sondern kann besonders den im jetzigen System Benachteiligten helfen.
Dazu ist aber - ganz im Gegensatz zur Trägerschaft - bei der Finanzierung der Staat gefragt Die Ergebnisse belegen, dass öffentliche Finanzierung zu besseren Ergebnissen führt - insbesondere dann, wenn sie privat geleitete Schulen finanziert. Denn wenn sich aufgrund von hohem Schulgeld nur die oberen Zehntausend den Besuch von Privatschulen leisten können, entsteht ja kaum Wettbewerb: Die meisten Eltern haben keine Alternative. Erst wenn durch staatliche Finanzierung alle Schüler unabhängig von ihrem Hintergrund die gleichen Wahlmöglichkeiten haben, entsteht ein Wettbewerb der Schulen um die besten Konzepte, der allen Schülern zugutekommt - und ganz besonders denjenigen, denen im heutigen Schulsystem keine qualitativ hochwertige Einrichtung offensteht. Ohne die finanzielle Gleichstellung von staatlich und privat geleiteten Schulen wird dagegen in der Tat die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklappen, weil sich die Bessergestellten aus dem System verabschieden.
Weder Utopia noch Ideologie
Die Niederlande bieten ein gutes Beispiel für solch ein System öffentlich finanzierter Privatschulen: Dort besuchen drei Viertel aller Schüler privat geleitete Schulen, die alle die gleiche staatliche Finanzierung erhalten wie die öffentlich geleiteten Schulen. Es geht also weder um Utopia noch um Marktideologie, sondern einzig und allein um Fakten: Die Verbindung von privater Trägerschaft mit staatlicher Finanzierung der Schulen führt zu den besten Bildungsergebnissen.
Für Vorschläge zu verstärktem Wettbewerb durch private Schulträgerschaft hat etwa der Aktionsrat Bildung kürzlich partei- und verbandsübergreifend Kritik geerntet Dabei ist die Flucht von immer mehr Eltern in den Privatschulsektor in der Realität längst klar erkennbar. Damit das nicht zum sozialen Sprengstoff wird, brauchen wir eine faire öffentliche Finanzierung für alle. Privat geleitete Schulen sollten den staatlichen Schulen finanziell gleichgestellt werden - und im Gegenzug darf es ihnen nicht erlaubt sein, soziale Ungleichgewichte durch zusätzliches Schulgeld zu verstärken oder Schüler selektiv zurückzuweisen.
Gerechte Startchancen
Es geht auch nicht im Geringsten darum, dass sich der Staat aus dem Schulsystem zurückzieht. Ganz im Gegenteil: Der Staat muss seiner grundlegenden Verantwortung in der allgemeinen Schulaufsicht, in der Vorgabe der erwarteten Standards und deren Überprüfung und eben in der Finanzierung guter Schulen für alle Schüler gerecht werden. Aber gerade weil es so wichtig ist, dass alle Kinder durch eine hervorragende Bildung gerechte Startchancen in ihrem Leben erhalten, muss der Staat bei der Leitung der Schulen auf private Initiative setzen.
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