Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2002, S. B5
von Arno Städtler
Als 1962 die ersten deutschen Leasinggesellschaften entstanden, ahnten die wenigsten Marktbeobachter, welche Wachstumsdynamik diese neue Investitions- und Finanzierungsvariante entfalten würde. Die Forscher im Münchner ifo Institut stuften diese gerade gegründeten Leasingunternehmen aber sogleich als "wachstumsverdächtig" ein. Sie befragten deshalb bereits in den Jahren 1962 und 1963 die Teilnehmer des ifo Investitionstests aus Indu-strie und Baugewerbe nach dem Einsatz der Anlagenmiete in ihren Betrieben. Durch die Ergebnisse ihrer Recherchen kamen die Analytiker zu der damals sicher gewagten Prognose, "daß diese Art der Anlagenfinanzierung den Bedürfnissen vieler Unternehmen entgegenkommt und daß daher mit einem nicht unbeträchtlichen Aufschwung dieses in der Bundesrepublik noch sehr jungen Geschäftszweiges gerechnet werden kann".
Es war jedoch ein sehr steiniger Weg, den die ersten Leasinggesellschaften in Deutschland zunächst gehen mußten. Als im Jahr 1962 einige mutige Manager die Idee der neuen Investitionsalternative aus den USA nach Deutschland importierten, gab es hier weder Kunden noch Lieferanten und auch keine Refinanzierungsinstitute. Ganz zu schweigen von der völligen Unsicherheit auf zivil-, steuer- und handelsrechtlichem Gebiet. Schließlich wurden dennoch die ersten Finanzierungs-Leasinggesellschaften in der Bundesrepublik gegründet. Unter der Bezeichnung "Leasing" wurde ein Dienstleistungsbündel unter neuem Etikett angeboten, dessen wesentlicher Bestandteil als Miete oder Pacht in der Landwirtschaft und in Gewerbebetrieben schon lange bekannt war. Registrierkassen und Kugelkopf-Schreibmaschinen waren die Leasingobjekte der ersten Stunde.
Toleranz und Ausdauer gefragt
Das Novum, das die Finanzierungs-Leasinggesellschaften einbrachten, bestand vor allem in der Tatsache, daß sie die Vermietung herstellerunabhängig machten, verschiedene Dienstleistungen zusätzlich zur mietweisen Überlassung von Anlagegütern boten, ihr Produkt auch steuerlich interessant zu gestalten wußten und ein sehr aktives Marketing betrieben. Damals wurden Neuerungen - insbesondere im Finanzsektor - allerdings längst nicht mit der heute vielfach anzutreffenden Offenheit aufgenommen. Die Leasingpioniere mußten über eine hohe Frustrationstoleranz und Ausdauer verfügen, denn ihr Geschäft genoß in Finanzkreisen als "last resort borrowing", also sozusagen als letzter Rettungsanker für kapitalschwache Firmen, keinen guten Ruf.
Nahezu zehn Jahre hatten die wenigen Leasinggesellschaften in Deutschland ein hohes unternehmerisches und steuerliches Risiko zu tragen, das sich kaum abschätzen ließ. Angesichts dieser beträchtlichen Anlaufschwierigkeiten verwundert es nicht, daß es Jahre dauerte, bis diese neue Finanzierungsform eine gewisse volkswirtschaftliche Bedeutung erreichte.
Trotz beachtlicher Wachstumsraten in den ersten Jahren nach der Markteinführung - zwischen 25 und 70% - war das Leasing zunächst noch ohne wirtschaftliche Relevanz. Der Wert der neu vermieteten Anlagen belief sich am Ende der sechziger Jahre erst auf rund 600 Mill. DM, das waren 0,6% der gesamtwirtschaftlichen Investitionen (ohne Wohnungsbau). In der ersten Dekade nach der Einführung des Leasing in Deutschland fand diese Investitionsalternative fast nur in Großunternehmen und öffentlichen Verwaltungen Anwendung. Dies änderte sich sehr schnell, als nach dem Beginn der siebziger Jahre EDV-Anlagen auch für mittelständische Betriebe erschwinglich wurden, der Fotosatz das Druckgewerbe revolutionierte und zahlreiche kleine und mittelgroße Unternehmen zunehmend unter Kapitalknappheit litten.
Im Jahr 1972 übertrafen die Anschaffungswerte der neuen Leasinganlagen erstmals die Grenze von 2 Mrd. DM. Der damalige Wachstumszyklus stand im Zusammenhang mit zahlreichen Gründungen neuer Leasinggesellschaften sowie vor allem mit der Klärung von Steuer- und Bilanzierungsfragen durch die Erlasse des Bundesfinanzministeriums aus den Jahren 1971 (Mobilien-Leasing-Erlaß) und 1972 (Immobilien-Leasing-Erlaß). Damals gelang dem Leasing der eigentliche Durchbruch. In den siebziger Jahren expandierte die Anlagenvermietung mit einem rasanten Tempo. In diesem Zeitraum nahmen die Investitionen der Finanzierungs-Leasinggesellschaften um 800% zu, während das Bruttosozialprodukt nur um 100% wuchs. In den achtziger Jahren begann schließlich der Siegeszug des Auto-Leasing, der bis heute anhält. Auch Big Tickets, wie Flugzeuge, Schiffe oder Eisenbahnen legten in dieser Zeit kräftig zu.
Der Beginn der neunziger Jahre stand auch für die Leasinggesellschaften im Zeichen der Wiedervereinigung Deutschlands. Nach einem furiosen Start des Leasing in Ostdeutschland, sofort nach der Wiedervereinigung, glich sich die Entwicklung in den neuen Ländern derjenigen in Westdeutschland an. Im Jahr 1994 entfielen knapp 14% des gesamten Neugeschäfts der Leasingbranche auf die neuen Länder. In den letzten Jahren fiel das Leasing in Ostdeutschland im Gefolge der umfangreichen staatlichen Investitionsförderung mit ihren zahlreichen Reglementierungen jedoch stark zurück.
Branche boomt
Auch nach jetzt 40 Jahren Leasing in Deutschland sind die Wachstumskräfte der Branche noch nicht erlahmt. In der Periode 2000/2001 haben die Leasinginvestitionen - trotz der schwachen Investitionskonjunktur - wiederum einen überdurchschnittlichen Zuwachs erzielt. Das Neugeschäft summierte sich zuletzt auf nahezu 50 Mrd. €. Die Leasingquote für Ausrüstungsgüter dürfte im laufenden Jahr fast 22% erreichen. Das heißt, mehr als ein Fünftel aller mobilen Investitionen ist dann geleast.
Die deutschen Leasinggesellschaften haben damit nicht nur im Inland einen hohen Marktanteil erreicht, sie zählen auch international zur Spitzenklasse. Die permanenten Erfolge der zunächst unterschätzten Investitionsalternative haben sämtliche Skeptiker verstummen lassen.
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