Wirtschaftswoche, 05.05.2008, Nr. 19, S. 48
Viele Meinungsführer in den Zeitungen kritisieren in schöner Regelmäßigkeit den Wirbel um Deutschlands schlechtes Abschneiden bei den Pisa-Tests. Auf das, was da getestet wird, komme es in der modernen Wirtschaft nicht so an, wird dann lapidar argumentiert. Doch stimmt das? Wie wichtig ist Bildung tatsächlich für das Wachstum einer Volkswirtschaft? Dieser Frage sind mein Kollege Eric Hanushek von der amerikanischen Stanford University und ich empirisch nachgegangen.
Seit Mitte der Sechzigerjahre gibt es internationale Vergleichstests von Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften. Wir haben die Leistungen aller 36 Tests auf eine gemeinsame Skala gebracht. Es ist uns gelungen, die durchschnittlichen schulischen Leistungen der Bevölkerung in 50 Ländern, für die auch Daten über das langfristige Wirtschaftswachstum über vier Jahrzehnte vorliegen, abzubilden. Nimmt man das Maß der schulischen Leistungen in übliche Wachstumsmodelle auf, ist das Ergebnis eindeutig: Je besser die Leistungen in den Pisa-Vorgängertests, desto höher ist das Wachstum der Volkswirtschaft. Im einfachsten Modell gehen nur die Ausgangsniveaus des Pro-Kopf-Einkommens und der in Jahren gemessenen Quantität der Bildung ein. Ohne Berücksichtigung der schulischen Leistungen erklären die Berechnungen nur ein Viertel der Wachstumsunterschiede zwischen den Ländern. Wenn wir die schulischen Leistungen berücksichtigen, lassen sich mit dem Modell drei Viertel der gesamten internationalen Wachstumsunterschiede erklären. Zudem schwindet dann der Einfluss derZahl der Schuljahre. Anders ausgedrückt: Bildung wirkt sich nur in dem Maße wirtschaftlich aus, wie sie auch tatsächlich kognitives Wissen vermittelt hat. Es reicht nicht, die Schulbank zu drücken, auf das Gelernte kommt es an.
Die Größe dieses Effektes ist imposant: Langfristig gehen 50 zusätzliche Pisa-Punkte – in etwa derAbstand zwischen uns und den Pisa-Spitzenreitern Finnland oder Korea – mit einem zusätzlichen jährlichen Wachstum von gut 0,6 Prozentpunkten einher. 50 zusätzliche Pisa-Punkte hätten über das letzte Jahrzehnt gerechnet unser Wachstum um etwa die Hälfte erhöht. Und unser Pro-Kopf-Einkommen wäre – über 40 Jahre gerechnet – heute 30 Prozent höher. Der statistische Effekt ist überaus robust. Er findet sich in der Gruppe der entwickelten Länder genauso wie bei Entwicklungsländern. Auch wenn man die Effekte weiterer Wachstumsdeterminanten wie Sicherheit der Eigentumsrechte, Fertilität oder geografische Lage herausrechnet, bleibt der Effekt der schulischen Leistungen signifikant. Neben dem Ausgangsniveau des Pro-Kopf-Einkommens und den institutionellen Rahmenbedingungen gehören die in Pisa und ähnlichen Tests gemessenen kognitiven Basiskompetenzen zu den wichtigsten Ursachen volkswirtschaftlichen Wachstums überhaupt. Jetzt könnte man die Henne-Ei-Diskussion anzetteln und einwenden, dass Länder, die aus ganz anderen Gründen schneller wachsen, dann mehr in Bildung investieren. Doch es spricht einiges gegen diese Überlegung: Zunächst haben die bis Anfang der Achtzigerjahre durchgeführten Tests den gleichen signifikanten Effekt auf das Wachstum der folgenden 20 Jahre – also war zuerst die bessere Bildung da, dann kam das höhere Wachstum. Eine umgekehrte Kausalität von Wachstum auf Schülerleistungen ist auch deshalb wenig wahrscheinlich, weil zusätzliche Ressourcen im Schulsystem, die vielleicht durch schnelleres Wachstum möglich wären, nicht systematisch mit besseren Pisa-Leistungen einhergehen. Selbst wenn man nur den Teil der Bildungsunterschiede zwischen Ländern nutzt, der sich durch Unterschiede in den Schulsystemen erklären lässt, ergibt sich die Kausalität von im Schulsystem generierten Leistungen auf das Wachstum. Auch finden wir, dass OECD-Länder, die ihre Bildungsleistungen über die Zeit verbessern konnten, auch ihrWachstum gesteigert haben. All dies belegt empirisch die Wachstumstheorien, die dem Humankapital eine wesentliche Rolle für das wirtschaftliche Wachstum zuschreiben.
Neoklassische Wachstumsmodelle modellieren Humankapital als einen Produktionsfaktor, dessen Akkumulation das Wachstum im Übergang zu einem höheren Produktionsniveau erhöht. Endogene Modelle betonen die Rolle des Humankapitals als Motor technischen Fortschritts, der die langfristigen Wachstumsraten erhöht. Doch was ist wichtiger? Ein paar rocket scientists, die die Innovationen der Zukunft aushecken? Oder eine gute Bildungsbasis in der Bevölkerung, um moderne Wirtschaftsmethoden umzusetzen? Um dies zu beantworten, haben wir gemessen, welcher Anteil der Bevölkerung eines Landes über 600 Pisa-äquivalente Punkte (die rocket scientists) und welcher Teil zumindest 400 Punkte (eine mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagenkenntnis) erzielt. Ergebnis: Beide Dimensionen – der Anteil der Überflieger und gute Bildung für alle – haben signifikanten Einfluss auf das Wachstum. Es kommt auf die Spitze und die Breite an. Warum sehen wir dann nicht endlich einschneidende Reformen, die unser Schulsystem fit für die Zukunft machen? Dies ist wohl dadurch zu erklären, dass bessere schulische Leistungen erst sehr langfristig ihre wirtschaftlichen Auswirkungen entfalten. Zunächst müssen Reformen umgesetzt werden, dann müssen die Schüler das reformierte Schulsystem durchlaufen, und erst danach treten die Absolventen in den Arbeitsmarkt ein. Bis ein Großteil der Bevölkerung durch das bessere Bildungssystem gegangen ist, können Jahrzehnte vergehen. Das ist leider nicht der zeitliche Horizont, den an ihrer Wiederwahl interessierte Politiker im Sinn haben. Doch wenn wir unser Wachstum signifikant steigern wollen, geht an besserer Bildung kein Weg vorbei.
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