Süddeutsche Zeitung, Beilage vom 03.11.2000, S.V2/3
Von Anfang an begleiteten zahlreiche Skeptiker und Kritiker die Leasingbranche in Deutschland. Besonders heftig ist den noch jungen Dienstleistungsunternehmen das Totenglöckchen in den siebziger Jahren geläutet worden - insbesondere von den Banken und Hochschulen. Es bedurfte zweier Jahrzehnte ungebrochenen Wachstums der Leasinginvestitionen, bis der Chor der Skeptiker verstummte. Der permanente Erfolg dieser Investitionsalternative setzte Fakten, die zahlreichen additiven Dienstleistungsangebote und Vertragsvarianten lassen simple Vergleiche mit dem Investitionskredit heute nicht mehr zu. Mit seiner ersten klaren Wachstumsprognose für das Leasing, schon im :Jahr 1962, nahm das ifo Institut zwar eine Außenseiterposition ein, hatte damit aber ins Schwarze getroffen (Miete statt Investitionen, :in: ifo Schnelldienst 46/1962). Immerhin ist es dem Leasing gelungen, unter Wettbewerbsbedingungen fast die Hälfte der Investitionsfinanzierungen zu generieren, auf Bankkredite, staatliche Zuschüsse und Beteiligungsfinanzierungen entfällt die andere Hälfte. Dies stellte das ifo Institut in seinen jährlichen Investitionstests fest. Im Gefolge der Fusionsverhandlungen unter deutschen Geschäftsbanken im letzten Jahr wurde öffentlich, dass die Banken am Firmenkreditgeschäft immer weniger Freude haben, deshalb wollen sie ihre Angebotsstrukturen verändern.
Bonität durch Ratings prüfen
In der Welt der Großunternehmen beziehungsweise der Konzerne hat sich schon seit Jahren ein zweites Finanzsystem neben den Banken etabliert, was auch als "Disintermediation" bezeichnet wird. Das heißt, die Kreditinstitute verlieren als Finanzintermediäre in diesem Segment an Bedeutung. Die Konzernzentralen sind selbst zu Banken geworden und finanzieren sich unmittelbar an den Kapitalmärkten. Sie ersparen sich so einen großen Teil der Transaktionskosten. Nun wollen sich die Banken - vor allem aus Renditeerwägungen - auch teilweise bei den Investitionskrediten für mittelständische Unternehmen - zurückziehen beziehungsweise eine stärkere Konditionenspreizung durchsetzen. Denn seit der Mitte der neunziger Jahre trägt das zinsabhängige Geschäft immer weniger zum Ertrag der Kreditinstitute bei; die Zinsspanne hat 1999 einen neuen Tiefstand erreicht. Dafür ist nach Feststellungen der Bundesbank unter anderem "der hohe Anteil des margenarmen Kreditgeschäfts" verantwortlich.
Diese Entwicklung wird dadurch unterstützt, dass von den Banken gemäß dem "Baseler Akkord" gefordert wird, ihre Risikopositionen im Firmenkundenkreditgeschäft adäquat zum Risiko mit Eigenkapital zu unterlegen. Die Reformvorschläge aus Basel und Brüssel sehen vor, dass sich die Banken bei der Kreditgewährung an Firmenkunden auf die Bonitätsbeurteilung durch Ratings stützen sollen. Dabei werden auf deutsche Intervention hin voraussichtlich auch bankinterne Ratings zugelassen. Das würde zwar den Kunden erhebliche Kosten für ein externes Rating ersparen, Ziel der Banken ist jedoch, im Windschatten der Baseler Beschlüsse ihr Kreditgeschäft deutlich rentabler zu gestalten. Es wird zur Verweigerung von Krediten und zu einer stärkeren Spreizung der Konditionen kommen. Besonders stark betroffen von Kreditrestriktionen werden Unternehmen mit weniger als 5 Millionen Mark Jahresumsatz sein. Dazu zählen im Verarbeitenden Gewerbe 88 Prozent, im Baugewerbe 96 Prozent und im Einzelhandel sowie im Dienstleistungssektor je 97 Prozent aller Unternehmen.
Am schwierigsten wird es für junge Firmen und Existenzgründer werden, die ja noch keine Performance nachweisen können. Ausgenommen sind die wenigen, die die Chance haben, am Neuen Markt gelistet zu werden und die eine gute Bonität nachweisen können. Letztere werden - ein entsprechendes Rating vorausgesetzt - wohl sogar günstigere Kreditkonditionen erhalten. Im Gegensatz zu den sechziger und siebziger Jahren geben die Kreditinstitute also heute freiwillig Marktanteile an Leasinggesellschaften ab, vorzugsweise an ihre eigenen Töchter. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Banken immer noch sehr stark in der Investitionsfinanzierung engagiert sind und dies auch bleiben werden, allerdings indirekt über die Leasinggesellschaften. Auf diese Weise handelt es sich für die Banken nicht mehr um Retailgeschäfte, sondern um Whole-Sale-Banking. Ein derart hoher Kapitalbedarf wie im Leasingsektor - das Brutto-Anlagevermögen der Branche beläuft sich auf rund 310 Milliarden Mark - lässt sich nicht an der Kreditwirtschaft vorbei generieren. Die Banken haben schon vor Jahren erkannt, dass für Objektfinanzierungen im Mittelstand und insbesondere auch bei den begleitenden Dienstleistungen viel spezielles Know-how und eine entsprechende Infrastruktur benötigt wird und haben dieses Geschäft daher an Tochtergesellschaften im Leasingsektor ausgegliedert, die nicht nur Finanzexperten sind, sondern auch Spezialisten für Investitionsgüter und Dienstleistungen rund um die Investition. Zugleich sollten diese Töchter in Wettbewerb zu den Finanzinstituten der Hersteller treten.
Die Leasinggesellschaften sind also weiter auf der Überholspur und es bedarf keiner großen prognostischen Begabung, um vorherzusagen, dass die Leasingbranche in absehbarer Zeit mehr als die Hälfte der außenfinanzierten Investitionen der Unternehmen auf sich vereinigen wird. Dann kann sich die Leasingquote in Deutschland zügig dem relativ hohen Niveau der USA annähern. Gegenwärtig erhält das Leasing Impulse von der gesamtwirtschaftlichen Investitionskonjunktur. Insbesondere die Ausrüstungsinvestitionen (vor allem Computer-Software)werden im vierten Quartal dynamischer wachsen, da im Hinblick auf die Steuerrechtsänderungen und die ungünstigeren Abschreibungssätze, die 2001 in Kraft treten, mit spürbaren Vorzieheffekten zu rechnen ist. Dies begünstigt vor allem das Breitengeschäft der Leasinggesellschaften. Das Leasing von Flugzeugen und anderen Großmobilien ist hingegen infolge der steuerrechtlichen Änderungen, die ab dem 5. März 1999 in Kraft traten, rückläufig.
Internationale Impulse
Gleichwohl wird das Leasing auch 2000 zu den Wachstumsbranchen zählen, allerdings halten die Gesellschaften nur noch eine Wachstumsrate im Neugeschäft von etwa fünf Prozent für wahrscheinlich. Dies entspricht etwa der aktuellen Prognose für die gesamtwirtschaftliche Investitionsentwicklung. Die Investitionen in die für die Leasingbranche wichtigste Gütergruppe, die Straßenfahrzeuge, werden deutlich zurückgehen. Die Pkw-Neuzulassungen brachen im ersten Halbjahr um etwa 10 Prozent ein, für das Gesamtjahr dürfte sich ein deutliches Minus ergeben. Die Leasinggesellschaften konnten im bisherigen Jahresverlauf bei Straßenfahrzeugen trotzdem Zuwächse verbuchen. Schließlich neigen die herstellerabhängigen Leasinggesellschaften dazu, in Zeiten einer schwachen Absatzentwicklung das Leasing als absatzpolitisches Instrument einzusetzen. All dies wird dazu führen, dass das Fahrzeug-Leasing auch im. Jahr 2000 Zuwächse erzielen wird.
Zusätzliche Wachstumsimpulse werden die Gesellschaften aus der weiteren Internationalisierung des Geschäfts erhalten. Nachdem sie in der Vergangenheit erfolgreich die "Dienstleistungswüste Deutschland" bewässert haben, werden sie nun verstärkt durch Direktinvestitionen im Ausland aktiv, diese erscheinen anders als die echten Cross-Border-Engagements nicht in den Inlandsbilanzen; auf der anderen Seite ist mit einem weiteren Zuzug ausländischer Anbieter auf den deutschen Markt zu rechnen. Die Leasingbranche wird im Jahr 2000 weiter expandieren, aber mit vermindertem Tempo und weitgehend mit dem Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Investitionen mithalten können.
Arno Städtler
Der Autor ist Mitarbeiter des ifo Institutes für Wirtschaftsforschung in München.
Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.
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