Süddeutsche Zeitung, 18.11.2009, S. 18
In der momentanen Wirtschaftskrise gerät das marktwirtschaftliche System in die Kritik. Das liegt quasi in der Natur der Sache. Doch diesmal reicht die Kritik tiefer: Selbst konservative Medien sprechen von der "Krise des Kapitalismus", die Marktwirtschaft wird fundamental in Frage gestellt. In Umfragen sinkt die Zustimmung schon seit Jahren. Vor allem werden die wirtschaftlichen Verhältnisse immer weniger als gerecht eingestuft. Die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems schwindet.
Diesem Thema widmet sich der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium in seinem aktuellen Gutachten zur "Akzeptanz der Marktwirtschaft". Die Bestandsaufnahme: Ja, die Ungleichheit der Einkommen ist gestiegen, wenn auch längst nicht so stark, wie oft dargestellt. Was kann der Staat tun, um der wachsenden Ungleichheit und dem vielfach empfundenen Mangel an Gerechtigkeit entgegenzuwirken?
Einige Dinge sind schnell abgehakt: Ohne Wohlfahrtsverluste können wir weder den technischen Fortschritt noch die globale Integration aufhalten - zwei Trends, die für die steigende Ungleichheit verantwortlich sein dürften. Auch eine Rücknahme der Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 wäre kontraproduktiv: Sie verringern erwiesenermaßen die Langzeitarbeitslosigkeit und so das größte Armutsrisiko. Gesetzliche Eingriffe in die Lohnfindung würden letztlich zum Abbau von Arbeitsplätzen führen. Dem Sozialstaat gelingt es zwar, einen großen Teil des Anstiegs der Ungleichheit der Markteinkommen in den verfügbaren Einkommen auszugleichen. Doch er stößt an seine Grenzen: Noch eine weitere Umverteilung dürfte stark zu Lasten von Leistungsanreizen und langfristigem Wachstum gehen.
Es bleibt ein Bereich, in dem der Staat die Ungleichheit aktiv angehen kann: die Bildungspolitik. Bildung ist ein entscheidender Einflussfaktor des Erfolgs am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit von Menschen ohne Berufsausbildung liegt bei 21 Prozent, ohne Schulabschluss sogar bei 29 Prozent - im Vergleich zu sieben Prozent mit Berufsausbildung und fünf Prozent mit Hochschulabschluss.
Unzureichende Bildung stellt also das Kernproblem der deutschen Arbeitslosigkeit dar. Der Schlüssel zu ausgeglicheneren Einkommen liegt langfristig im Bildungssystem. Denn selbst wenn Menschen ohne Schulabschluss einen Job finden, verdienen sie im Durchschnitt monatlich etwa 750 Euro weniger als Arbeitnehmer mit Berufsschulabschluss.
Bildung zielt auch auf den für die Akzeptanz vermutlich wichtigsten Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit: nicht Ergebnisgleichheit, sondern Chancengleichheit. Damit ein Mensch ein freiheitliches System akzeptieren kann, muss er ungeachtet der gesellschaftlichen Stellung seiner Familie zum Zeitpunkt seiner Mündigkeit möglichst die gleichen Startchancen wie jeder andere haben. Er muss in die Lage versetzt worden sein, von den Möglichkeiten zu profitieren, die sich in einer freien Wirtschaft ergeben. Gute Bildung schafft echte Chancengleichheit, indem sie zur eigenverantwortlichen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigt. Deshalb ist aktive Bildungspolitik eine zentrale Säule einer freien Gesellschaftsordnung.
Doch leider ist das deutsche Bildungssystem weit davon entfernt, gleiche Startchancen herzustellen. Vielen Menschen sind, wenn sie mündig werden, viele Zukunftschancen unwiderruflich verbaut. So hängen die Pisa-Bildungsleistungen in Deutschland weit stärker von der sozioökonomischen Herkunft ab als in den meisten anderen Ländern. Nirgendwo steigt die Ungleichheit der Schülerleistungen von der Grundschulstudie Iglu zur Mittelstufenstudie Pisa so stark an wie in Deutschland.
Bei zwei Kindern mit unterschiedlichem familiärem Hintergrund, aber exakt demselben gemessenen Kompetenzniveau ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei einem Akademikerkind viermal so hoch wie bei einem Arbeiterkind. Von Beamtenkindern, die ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, nehmen 95 Prozent ein Studium auf, von Arbeiterkindern nur 17 Prozent. Diese Ungleichheit der Bildungschancen zeigt, dass ein durchlässiges Bildungssystem in Deutschland weit verfehlt wird.
Wie ließe sich das ändern? Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman betont, dass die Erträge von Bildungsinvestitionen am höchsten sind, wenn sie früh ansetzen und auf Kinder mit benachteiligtem Hintergrund abzielen. Deshalb muss ernst gemacht werden mit öffentlicher Finanzierung von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung für Kinder aus bildungsfernen Schichten.
Die bildungsökonomische Forschung belegt, dass ein längeres gemeinsames Lernen die Abhängigkeit der Bildungsleistungen vom Elternhaus verringern würde, ohne dass darunter die besten Schüler leiden. In zwei Dritteln der entwickelten Länder werden die Kinder frühestens mit 15 Jahren auf verschiedene Schularten aufgeteilt. Die Aufteilung mit zehn Jahren gibt es außer in Deutschland und in Österreich nirgendwo mehr.
Ein besseres Bildungssystem würde nicht nur die Chancengleichheit erhöhen, sondern auch die Produktivität. Die Ergebnisse internationaler Schülertests erweisen sich langfristig als wohl bedeutendster Bestimmungsfaktor des wirtschaftlichen Wachstums überhaupt. Neuere Studien belegen, dass eine Bildungsreform, die Deutschland aus dem Pisa-Mittelfeld nahe an die Spitze heranbrächte, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf langfristig um jährlich 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte heben würde. Das entspricht etwa der Hälfte unseres gesamten Wachstums im letzten Jahrzehnt.
Moderne Wirtschaftspolitik muss also vor allem Bildungspolitik sein. Ein Bildungssystem, das allen Kindern unabhängig von ihrer Herkunft gute Startchancen bietet, ist die zentrale - und zu sehr vernachlässigte - Basis einer freien und menschenwürdigen Wirtschaftsordnung. Durch gesellschaftliche Kohärenz trägt es zusätzlich zur Stabilität und Effizienz des Wirtschaftssystems bei. Ein durchlässiges Bildungssystem und eine intensive Qualifizierung benachteiligter Kinder, die sie von den Leistungen des Sozialstaats unabhängig macht, sind der beste Weg, die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems wieder zu erhöhen.
von Ludger Wößmann
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