Südwestumschau, 25.10.2008, S. 4
Der so genannte Bildungsgipfel hat getagt. Auf einer großen Show mit vielen Fototerminen wurde verkündet, dass die Bildungsausgaben massiv aufgestockt werden sollen - zusammen mit Forschung auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Wo das Geld herkommen soll, wurde allerdings offengelassen: Damit soll sich eine Strategiegruppe in den nächsten zwölf Monaten auseinandersetzen - das gibt zufälligerweise Aufschub bis nach der Bundestagswahl. Dabei hatten die Zuständigen viele Monate Zeit, diesen Gipfel vorzubereiten. Wohlweislich wurde auch vermieden, einen konkreten Euro-Betrag zu nennen. Vermutlich werden sie es schaffen, Bildung und Forschung so weit zu definieren und neben öffentlichen Ausgaben auch die der Haushalte und Unternehmen mit einzubeziehen, dass mit einem symbolischen Euro für die Bildung das Ziel bereits erreicht wäre.
Es wurde auch verkündet, dass die Zahl der Schulabbrecher und Menschen ohne Berufsausbildung halbiert werde - in sieben Jahren, bis dahin ist das vergessen. Allein es blieb unklar, wie solch hehre Ziele erreicht werden können. Selbst den Medien war diese Show dann doch zu bunt - der „Gipfel" kam nachrichtentechnisch nur unter „ferner liefen“. Wer die hohen Erwartungen, die Angela Merkel durch das Ausrufen der Bildungsrepublik geschürt hatte, ernst genommen hatte, wurde bitter enttäuscht. Dabei wäre der Einsatz für gute Bildung in der Tat einen echten Gipfel wert: Neuere Untersuchungen belegen, dass das langfristige Wachstum unserer Volkswirtschaft um jährlich 0 5 bis 0 8 Prozentpunkte stiege, wenn wir aus dem Pisa-Mittelfeld zu den Spitzenreitern aufschlössen.
Es ist ein Armutszeugnis, wie die Politiker in Deutschland mit dem Thema Bildung umgehen. Immer wieder wird es als Spielball für (regional-)politische Ränkespielchen missbraucht. Von Politikern, die ernsthaft am Wohl unserer Kinder interessiert wären, könnte man erwarten, dass sie sich zusammensetzen, auf die Fakten schauen und besprechen, welche echten Lösungsmöglichkeiten für die vorliegenden Probleme bestehen - etwa den Ausbau frühkindlicher Bildung, bundeseinheitliche Prüfungen, selbstständigere Schulen und längeres gemeinsames Lernen. Dabei müsste so mancher auch einmal über den eigenen Schatten springen, denn die Fakten belegen, dass die Ideologen jeglicher parteipolitischer Färbung in mancher Hinsicht falsch liegen. Niemand sollte mit den Verantwortlichen Mitleid haben, wenn die Wähler sie für diese Showveranstaltung ganz entschieden abstrafen.
Ludger Wößmann ist Professor für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Bereichsleiter Humankapital und Innovation am ifo Institut für Wirtschaftsforschung.
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