Sparkasse Februar 2005
Deutschland und Japan nehmen im internationalen Vergleich in vielerlei Hinsicht eine Schlusslicht-Position ein. Japan hat in mancherlei Aspekten aber wesentlich größere Probleme als Deutschland. Dies zeigen die enorm gestiegene Staatsverschuldung oder die nach wie vor andauernden Probleme im finanziellen Sektor. Beide Länder leiden unter strukturellen Verkrustungen, die die mittelfristigen Wachstumsaussichten dämpfen. Aber es ist doch bemerkenswert, dass Japan den weltlichen Aufschwung seit 2002 nicht nur in höhere Exporte, sondern auch in BIP-Wachstumsraten von 3 bis 4 Prozent umsetzen konnte, während Deutschland über anderthalb Prozent Wachstumsrate nicht hinauskam.
Zumindest gemessen an einigen zentralen Kenngrößen ‚drohen uns also keine japanischen Verhältnisse, wir haben sie bereits. Letztlich ist aber der Blick auf erfolgreichere Volkswirtschaften entscheidend. Der zentrale Ansatzpunkt für eine Diagnose sollte sein, dass man sich hierbei nicht auf das konjunkturelle Auf und Ab konzentriert, sondern auf die langfristigen Wachstumstrends. Und die sehen für Deutschland besonders trübe aus. Eine noch nicht veröffentlichte Studie des ifo Instituts zeigt, dass die Trendwachstumsrate des deutschen Bruttoinlandsprodukts seit Beginn der fünfziger Jahre mehr oder weniger stetig von über 8 Prozent auf den aktuellen Wert von 1,1 Prozent abgefallen ist. Zwar weisen auch andere Länder seit Mitte der siebziger Jahre einen Rückgang der Trendwachstumsrate auf, bei den meisten hat sich die langfristige Wachstumsrate aber inzwischen stabilisiert oder ist in den neunziger Jahren sogar leicht aufwärts gerichtet, etwa in Frankreich, Großbritannien oder den USA. Das eigentliche Problem Deutschlands liegt damit nicht im konjunkturellen Abschwung der letzten Jahre, der nach dem Boom Ende der neunziger Jahre auch in anderen Ländern zu konstatieren war. Dass die BIP-Wachstumsrate im letzten und vermutlich auch in diesem Jahr in Deutschland im internationalen Vergleich besonders niedrig ist, liegt daran, dass unser Trendwachstum mit nur gut einem Prozent so niedrig ist. Im Vergleich dazu liegt die Trendwachstumsrate im Euroraum (ohne Deutschland) bei über zwei Prozent, in Großbritannien bei 2,6 Prozent und in den USA bei über 3 Prozent.
Die entscheidende Frage ist, ob sich die aktuellen Wachstumstrends in die Zukunft fortschreiben lassen. Produktionswachstum wird erzeugt durch den Einsatz von mehr Arbeit und Kapital sowie durch die Zunahme der totalen Faktorproduktivität, die durch technischen Fortschritt und Qualitätsverbesserungen der Produktionsfaktoren determiniert wird. Und hier sieht es für Deutschland nicht besonders gut aus. Die Nettoinvestitionsquote ist auf historische Tiefstände gefallen, das Arbeitsvolumen und die Wachstumsrate der Produktivität ist im Trend seit Anfang der neunziger Jahre zurückgegangen. Zwar dürften die Arbeitsmarktreformen das Arbeitsangebot in Zukunft etwas erhöhen. Um das Potentialwachstum zu steigern, sind aber weitere Reformschritte notwendig. Wir brauchen eine viel flexiblere Wirtschaft, um den durch Globalisierung und technischen Wandel erzeugten.
Anpassungsdruck bewältigen zu können. Insbesondere der Arbeitsmarkt ist weiterhin durch eine hohe Regulierungsdichte, etwa beim Kündigungsschutz, gekennzeichnet und die Lohnstruktur ist zu starr. Um dies zu ändern, sind wesentlich umfassendere Reformschritte notwendig als bei Hartz IV beschossen wurden. Die Human- und Sachkapitalbildung kann nur wieder gestärkt werden, wenn auch das Steuer- und Abgabensystem reformiert und die staatlichen Infrastrukturinvestitionen, vor allem im Bildungsbereich, erhöht und qualitativ verbessert werden. So kann es durchaus gelingen, die mittelfristige Wachstumsperformance in Deutschland wieder zu erhöhen. Man kann aber skeptisch sein, ob dies alles in den nächsten Jahren gelingt, und selbst wenn es gelingt, braucht es Zeit, bis die positiven Wirkungen eintreten. Wir werden durchaus konjunkturelle Aufschwünge erleben, die durchschnittliche Wachstumsrate der Produktion und des realen Einkommens wird bei realistischer Einschätzung im nächsten Jahrzehnt aber nicht viel höher sein als ein Prozent.
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