Oekonomenstimmen.org, 08.07.2011
In Deutschland ist die öffentliche Debatte über Zuwanderung und Integration nicht erst seit der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch („Deutschland schafft sich ab“) in vollem Gange. Beinahe ein Fünftel der Bevölkerung Deutschlands hatte im Jahr 2009 einen Migrationshintergrund; bei den unter 20-Jährigen waren es sogar knapp 30% (Statistisches Bundesamt 2010). Es ist zu erwarten, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Dass die Politik sich der Bedeutung dieses Themas bewusst ist, zeigen die von Bundeskanzlerin Merkel in den letzten Jahren wiederholt einberufenen Integrationsgipfel. In diesem Zusammenhang wird oft die Strategie der „Integration durch Bildung“ als Allheilmittel angeführt. Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie ist die Chancengleichheit im Bildungssystem. Dass es dem deutschen Bildungssystem jedoch ganz generell – im Hinblick auf die soziale Herkunft – an Chancengleichheit mangelt, wird häufig kritisiert.
Zielsetzung dieses Beitrages ist eine zusammenführende Diskussion der Unterschiede zwischen Einheimischen und Zuwanderern der zweiten Generation auf dem Arbeitsmarkt und im Schulsystem in Deutschland auf Basis der Ergebnisse einer aktuellen Studie der Autoren (Lüdemann und Schwerdt, 2010) und weiterer relevanter Studien. Hierbei wird insbesondere die frühe Mehrgliedrigkeit im deutschen Schulsystem als mögliche institutionelle Barriere für die erfolgreiche Integrationspolitik in Betracht gezogen.
Algan et al. (2010) zeigen, dass die ökonomische Assimilation von Migranten in Deutschland wenig erfolgreich ist. Die bestehenden erheblichen Lohnunterschiede zwischen Einheimischen und Zuwanderern der ersten Generation verringern sich in der zweiten Generation nur wenig, obwohl letztere in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, und das gleiche Bildungssystem durchlaufen haben. Männliche Zuwanderer der zweiten Generation verdienen im Durchschnitt 14% weniger als Personen ohne Migrationshintergrund. In unserer Studie zeigen wir, dass sich dieser Lohnabstand unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Schulabschlüssen erheblich verringert und nur noch 3% beträgt. Dies legt nahe, dass Unterschiede im Schulabschluss ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis der fehlenden ökonomischen Assimilation von Zuwanderern in Deutschland sind.
Werden die Leistungen während der Schulzeit betrachtet, so zeigen sich ebenfalls deutliche Leistungsrückstände von Zuwandererkindern. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Zuwanderer der zweiten Generation über schlechtere kognitive Fähigkeiten – also etwa Lese- oder Mathematikkompetenzen – verfügen als Schüler ohne Migrationshintergrund (vgl. z.B. Schnepf, 2007; Schneeweis, 2011). Diese Unterschiede bestehen bereits am Ende der Grundschulzeit. Rein deskriptiv zeigt sich, basierend auf Daten der IGLU-Studie von 2001, dass die Lese- und Mathematikleistungen von Zuwandererkindern rund ein Drittel einer Standardabweichung unterhalb der Leistungen von Schülern ohne Migrationshintergrund liegen. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Merkmale des sozio-ökonomischen Hintergrunds erklären. Schnepf (2007) interpretiert diesen Sachverhalt als deutlichen Beleg, dass Zuwandererkinder beim Kompetenzerwerb benachteiligt sind.
Es ist daher zunächst wenig überraschend, dass ebenfalls erhebliche Unterschiede bei den Empfehlungen für den Übertritt von der Grundschule an weiterführende Schulen bestehen: Die meisten Zuwandererkinder erhalten eine Hauptschulempfehlung, während Schüler ohne Migrationshintergrund überwiegend eine Gymnasialempfehlung erhalten. In unserer Studie gehen wir einen Schritt weiter und zeigen darüber hinaus, dass Zuwandererkinder bei gleichen gemessenen kognitiven Leistungen mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Übergangsempfehlung für eine höhere Schulform erhalten. Unseren Schätzergebnissen zufolge haben männliche Zuwandererkinder – bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und gleichen Testleistungen im Lesen und in Mathematik – eine um 5,8 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten als Kinder ohne Migrationshintergrund.
Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, eine Hauptschulempfehlung zu bekommen, sowohl für männliche als auch für weibliche Zuwandererkinder signifikant höher (6,3 bzw. 6,1 Prozentpunkte). Ähnliche Ergebnisse zeigen sich, wenn statt der Übertrittsempfehlung die jeweiligen Fachnoten als abhängige Variable betrachtet werden. Zuwanderer der zweiten Generation sind also nicht nur beim Kompetenzerwerb benachteiligt, sondern darüber hinaus auch bei den subjektiven Leistungseinschätzungen der Lehrkräfte. Zuwanderer der zweiten Generation sind also doppelt benachteiligt.
Es zeigt sich jedoch, dass Unterschiede im sozio-ökonomischen Hintergrund eine große Rolle spielen. Werden die unterschiedlichen „Startbedingungen“ berücksichtigt, so verringern sich die Unterschiede in den Übergangsempfehlungen deutlich und sind größtenteils nicht mehr statistisch signifikant von Null verschieden. Der soziale Hintergrund ist also nicht nur entscheidend für den Kompetenzerwerb, sondern darüber hinaus auch für andere Indikatoren des Schulerfolgs, die auf der Leistungseinschätzung der Lehrkräfte beruhen, und den weiteren Verlauf der Schullaufbahn in einem mehrgliedrigen Schulsystem maßgeblich beeinflussen.
Da die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen im Sekundarbereich in Deutschland nach wie vor gering ist, haben die Übertrittsempfehlungen aller Wahrscheinlichkeit nach Konsequenzen für den späteren Arbeitsmarkterfolg. Daten des deutschen Mikrozensus belegen, dass der Erwerb des Abiturs im Durchschnitt mit einem um mindestens 41% höheren Lohn und der Erwerb eines Realschulabschlusses mit einem um mindestens 13% höheren Lohn im Vergleich zum Hauptschulabschluss verbunden ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Unterschiede im Schulabschluss einen Großteil der Lohnunterschiede zwischen Personen ohne Migrationshintergrund und Zuwanderern der zweiten Generation erklären können.
Dass die frühe Aufteilung auf verschieden Schulzweige ganz generell die Chancengleichheit im Bildungssystem mindert, haben frühere Studien bereits gezeigt. Insbesondere scheint die frühe Mehrgliedrigkeit im Schulsystem den Effekt vom sozio-ökonomischen Hintergrund auf den Bildungserfolg (z.B. Bauer und Riphahn, 2006) und den Arbeitsmarkterfolg (z.B. Brunello und Checchi, 2007) zu verstärken. Welche Rolle spielt aber die frühe Mehrgliedrigkeit im deutschen Schulsystem für die erfolgreiche Integration von Migranten?
Abbildung 1 zeigt, wie sich Leistungsrückstände in der Leseleistung von Zuwandererkindern im Zeitverlauf in verschiedenen Ländern entwickeln. In der Abbildung sind Schulsysteme mit früher Mehrgliedrigkeit, also solche, in denen Schüler vor dem Alter von 15 Jahren aufgeteilt werden, durch gestrichelte, und Schulsysteme, in denen dies nicht der Fall ist, durch durchgezogene Linien gekennzeichnet. Während sich Deutschland am Ende der gemeinsamen Grundschulzeit hinsichtlich des Leistungsrückstandes von Zuwanderern der zweiten Generation noch im unteren Mittelfeld bewegt, belegt Deutschland hier bei den 15-Jährigen Schülern den traurigen Spitzenplatz. Für die Länder, in denen Schüler bis zum Alter von 15 Jahren gemeinsam ein und dieselbe Schulform besuchen, ist – mit Ausnahme von Dänemark – hingegen keine so starke Zunahme der Leistungsunterschiede zu beobachten. Zwar ist dies kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang von früher Mehrgliedrigkeit und dem erfolgreichen Abschneiden von Zuwanderern im Schulsystem, allerdings legt diese Abbildung zumindest einen solchen Zusammenhang nahe.
Im Hinblick auf die Problematik der Integration von Zuwanderern kommen zahlreiche Studien zu einem alarmierenden Ergebnis: Zuwandererkinder schneiden in den Bereichen Lesen und Mathematik deutlich schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund. Des Weiteren bekommen Zuwandererkinder in Deutschland selbst bei gleichen Testleistungen im Lesen und in Mathematik seltener eine Übertrittsempfehlung für eine höhere Schulform als Schüler ohne Migrationshintergrund. Allerdings lässt das nicht auf eine Diskriminierung aufgrund des Migrationshintergrundes an sich schließen. Vielmehr scheint der im Durchschnitt schlechtere sozio-ökonomische Hintergrund von Zuwandererkindern für die aufgezeigten Unterschiede in den Übertrittsempfehlungen verantwortlich zu sein. Dies mindert jedoch das Problem aus Sicht der Zuwandererfamilien und im Hinblick auf allgemeine Integrationsbestrebungen nicht.
Vielmehr steht zu befürchten, dass sich diese Nachteile beim Schulübertritt über Generationen hinweg fortsetzen, da die besuchte Schulform wiederum starken Einfluss auf den späteren Arbeitsmarkterfolg und somit auf den sozio-ökonomischen Hintergrund der nächsten Generation hat. Somit ist die erfolgreiche Integration von Zuwanderern in Deutschland auf lange Sicht fraglich, wenn es nicht gelingt, den Schul- und Bildungserfolg hierzulande weiter vom sozioökonomischen Hintergrund von Schülern zu entkoppeln. Zahlreiche Studien haben bislang Evidenz dafür geliefert, dass die frühe Mehrgliedrigkeit einen negativen Effekt auf die allgemeine Chancengleichheit im Bildungssystem hat. Darüber hinaus steht zu befürchten, dass die frühe Mehrgliedrigkeit auch im Hinblick auf die langfristige, ökonomische Assimilation von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ein Hindernis darstellt.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267