Nachrichten aus der Chemie, 01.02.2009, Nr. 57, S. 111
Die neuere bildungsökonomische Forschung belegt sehr deutlich, dass die Qualität der Bildung, wie sie sich in den internationalen Schülerleistungstests widerspiegelt, von zentraler Bedeutung für die langfristige Entwicklung moderner Volkswirtschaften ist. Bei den kürzlich veröffentlichten Ergebnissen der Schülertests sind hier zumindest ein paar positive Aspekte zu verzeichnen. So sind leichte Verbesserungen der deutschen Pisa-Leistungen über die Zeit erkennbar. Bei neuen Aspekten der Naturwissenschaften liegt Deutschland signifikant über dem internationalen Durchschnitt, und einzelne Bundesländer wie Sachsen und Bayern kommen hier nahe an die Spitzenreiter Finnland und Kanada heran. Der Pisa-Naturwissenschaftstest umfasst neben die Chemie betreffenden Inhalten auch Physik, Biologie, Erdkunde und Technik.
Der vielleicht am wenigsten beachtete Aspekt der neuen Pisa-Ergebnisse ist, dass es im Bundesländervergleich vor allem die Schlusslichter - Bremen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg - sind, die sich am meisten verbessert haben. Die besten Bundesländer haben sich eher auf ihren Lorbeeren ausgeruht, bei den schwächsten aber hat der Leistungsvergleich gewirkt. Sie haben mehr als die Hälfte ihres Rückstandes zu den Spitzenreitern aufgeholt. Da sieht man, was allein das Publikmachen von Bildungsergebnissen für Anreize auslösen kann.
Und damit sind wir bei dem entscheidenden Ergebnis der bildungsökonomischen Forschung: Damit sich das, was die Kinder und Jugendlichen wirklich lernen — der Output — verbessert, reicht es nicht, einfach auf die eingesetzten Inputs zu schauen. Wollen wir die tatsächlich erworbenen Kompetenzen, auf die es allein ankommt, verbessern, bedarf es grundlegender struktureller Reformen im Bildungssystem: Schüler schneiden systematisch besser ab, wenn Leistungen extern überprüft werden, wenn Schulen Autonomie in Prozess- und Personalentscheidungen haben und wenn Wettbewerb durch öffentlich finanzierte, aber privat geleitete Schulen möglich ist.
Ein leistungsfähiges Schulsystem baut also auf drei Säulen auf. Es macht Akteure für ihr Tun verantwortlich, etwa indem es vorgegebene Standards extern überprüft - so wie es bundeseinheitliche Abschlussprüfungen in den verschiedenen Abschlüssen tun wurden oder eben auch die regelmäßige Veröffentlichung vergleichbarer Bundesländerergebnisse. Gleichzeitig überlässt ein erfolgreiches Schulsystem den Schulen die Wahl des Weges, auf dem sie diese Standards am besten erreichen können. Zudem lässt es den Staat die Schulbildung finanzieren, die Aufgabe der Leitung der Schulen aber überträgt es in weitem Maße dem privaten Sektor. Die Kombination von freier Schulträgerschaft mit öffentlicher Finanzierung bringt nämlich am meisten Wahlfreiheil für Eltern und Wettbewerb zwischen den Schulen. Solche institutionellen Rahmenbedingungen schaffen Anreize für alle Beteiligten, möglichst gute Schülerleistungen hervorzurufen, indem sie leistungsförderndes und -behinderndes Verhalten mit entsprechenden Konsequenzen verbinden und damit die Beteiligten für ihr Tun verantwortlich machen.
Die in unserem Bildungssystem generierte Wissensbasis ist entscheidend für die globale Wettbewerbsfähigkeit in einer sich durch technischen Wandel und Globalisierung ständig ändernden Welt. Nur ein Wissensvorsprung mache es auf Dauer möglich, sich aus dem Strudel des weltweiten Niedriglöhnweltbewerbs zu befreien. Unser langfristiges volkswirtschaftliches Wachstum würde um jährlich 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte steigen, wenn wir aus dein Pisa-Mittelfeld zu den Spitzenreitern aufschlössen. Zum Vergleich: In den letzten 10 Jahren wuchs die deutsche Wirtschaft insgesamt nur um durchschnittlich l ,2 Prozent. Solche Kompetenzverbesserungen würden das Bruttoinlandsprodukt in 30 Jahren so sehr erhöht haben, dass allein dadurch das gesamte Bildungsbudget unserer Republik bezahlt werden könnte — und die wirklichen Effekte setzen dann erst richtig ein.
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