Kölner Stadt-Anzeiger, 25.02.2009
Am Aschermittwoch ist alles vorbei und für die Gläubigen beginnt eine Zeit der Askese. Max Weber glaubte vor 100 Jahren, dass diese Enthaltsamkeit zum wirtschaftlichen Erfolg in den protestantischen Gebieten geführt habe. Doch da irrte er.
Am Aschermittwoch besinnt sich das Christentum auf seine asketischen Aspekte: Nach den närrischen Zeiten und in Vorbereitung auf das Osterfest steht mit der Fastenzeit eine Zeit der Besinnung, in der Verzicht und Enthaltsamkeit geübt werden soll. Für den Soziologen Max Weber waren es solche asketischen Züge, die den Protestantismus das ganze Jahr über ausmachten - und den Protestanten deshalb wirtschaftlichen Erfolg brachte. Vor über 100 Jahren stellte er in seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus“ die These auf, dass es eine spezifische „protestantische Ethik“ sei, die die Protestanten wirtschaftlich erfolgreicher mache.
Der katholischen Form des klösterlichen Asketismus, in dem die weltliche Moralität übersteigert werden sollte, stellten sie den Gedanken des „Berufs“ gegenüber, dessen Wortsinn als Berufung aus Luthers Bibelübersetzung stammt. Damit bekommt der Beruf ein religiöses Selbstverständnis, die Arbeit erhält ihre Weihe als von Gott gesetzte Aufgabe: Die protestantische Arbeitsethik, die die Erfüllung weltlicher Aufgaben als hohe moralische Leistung versteht, ist geboren. Protestanten - so Weber - betrachteten wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen, dass Gott einem wohl gesonnen ist; deshalb arbeiteten sie härter und sparten mehr.
Preußischer Genauigkeit haben wir es zu verdanken, dass wir den Zusammenhang zwischen Religion und wirtschaftlichem Erfolg heute stichhaltig überprüfen können. Dank umfassender Volkszählungen, deren Ergebnisse bis heute für die rund 450 preußischen Kreise in Archiven schlummern, und moderner Computertechnik lässt sich zeigen, was Weber mehr vermutet als gewusst hat: Überwiegend protestantische Kreise hatten in den 1880er Jahren höhere Einkommen und waren stärker in modernen Wirtschaftssektoren tätig als überwiegend katholische Kreise. Auch wenn dies in der Forschung der vergangenen Jahrzehnte tendenziell eher verneint wurde: Hier lag Weber vollkommen richtig.
Neben den neuen Datenanalysen haben mein Kollege Sascha Becker von der Stirling University und ich aber auch eine neue These aufgestellt, warum die Protestanten wirtschaftlich erfolgreicher waren. Statt auf eine schwer fassbare unterschiedliche Arbeitsethik zu schauen, bauen wir auf Luthers Betonung der Bibel als Wort Gottes, das jeder gute Christenmensch selbst lesen können sollte. Aber um die Bibel lesen zu können, muss man zunächst einmal lesen können! Darum hat Luther nicht nur - wie allgemein bekannt - die Bibel ins Deutsche übersetzt, sondern auch - was weniger bekannt ist - ganz explizit die Errichtung und den Besuch von Schulen gepredigt. So schrieb er 1524 „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“, und 1530 hielt er „Eine Predigt, dass man Kinder zur Schule halten solle“. In seinem Gefolge haben die Reformatoren vor Ort durch Schulordnungen starken Einfluss auf die praktische Umsetzung von Bildungsidealen genommen. Aus moderner ökonomischer Sicht lassen sich die so erlernten Fähigkeiten als menschliches Vermögen betrachten, das - ohne, dass Luther dies beabsichtigt hätte - auch wirtschaftlich eingesetzt werden kann. So wäre denn der wirtschaftliche Erfolg der Protestanten nicht auf eine besondere Ethik, sondern auf eine bessere Bildung zurückzuführen.
Und in der Tat: Unsere Analysen der preußischen Daten, die im Mai im renommierten, von der Harvard University herausgegebenen Quarterly Journal of Economics erscheinen, belegen, dass protestantische Gegenden wesentlich höhere Schulbesuchs- und Alphabethisierungs-Quoten aufweisen konnten. Der Bildungsvorsprung der Protestanten ist so groß, dass er für ihren gesamten wirtschaftlichen Vorsprung im ausgehenden 19. Jahrhundert verantwortlich sein dürfte. Wenn wir den Effekt der Bildung auf die wirtschaftliche Entwicklung, wie wir ihn etwa auch innerhalb der protestantischen und innerhalb der katholischen Kreise finden, herausrechnen, dann verschwindet der gesamte wirtschaftliche Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken: Für härteres Arbeiten und Sparen bleibt wenig zu erklären übrig.
In einer zweiten Studie können wir zudem zeigen, dass es gerade die Mädchen sind, die vom protestantischen Bildungsdrang profitieren. So schaffen es die protestantischen Kreise im 19. Jahrhundert viel eher als die katholischen, die Bildungslücke zwischen Mädchen und Jungen zu schließen. Schon 1520 hatte Luther geschrieben: „Und wollte Gott, eine jegliche Stadt hätte auch eine Mädchenschule, darinnen täglich die Mägdlein eine Stunde das Evangelium hörten.“
Allgemein scheint die Bedeutung der Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung in der historischen Forschung zu wenig beachtet worden zu sein. In einer noch nicht veröffentlichten weiteren Studie belegen wir, dass diejenigen Kreise, die 1816 - vor der Industrialisierung in Deutschland - einen höheren Schulbesuch hatten, sich im weiteren Verlauf schneller industrialisiert haben. Entgegen bisheriger Einschätzungen gilt das schon in der ersten Phase der Industriellen Revolution bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die zuvor in Großbritannien eingesetzten neuen Technologien übernommen werden wollten. Genauso gilt es in der darauf folgenden zweiten Phase der Industrialisierung.
Selbst heutzutage lässt sich noch zeigen, dass Protestanten im Durchschnitt mehr verdienen als Katholiken - aber auch heute nur deshalb, weil sie im Durchschnitt ein höheres Bildungsniveau aufweisen. Luthers Reformation hatte also sehr langfristige, wenn auch unbeabsichtigte Konsequenzen - aber die hatten mehr mit dem Bibellesen und der daraus entspringenden Bildung denn mit spezifischer Arbeitsethik und Askese zu tun. Hier irrte Weber: Der wichtigste Erklärungsfaktor für protestantischen Wirtschaftserfolg liegt nicht in härterem Arbeiten oder stärkerem Sparen, sondern in besserer Bildung.
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