Handelsblatt, 18./19./20.04.2008, Nr. 76, S. K4
In Deutschland trägt der Staat einen Großteil der Kosten des Hochschulstudiums, während die Eltern durch Krippen- und Kindergartengebühren einen gehörigen Teil der Bildung der Kleinkinder selber finanzieren. Im internationalen Vergleich sind die öffentlichen Bildungsinvestitionen in Deutschland im Hochschulbereich relativ hoch, im frühkindlichen und Grundschulbereich relativ gering. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das genau falsch: Wie vor allem der Ökonomie-Nobelpreisträger James J. Heckman von der Universität Chicago immer wieder betont, gibt es sowohl theoretisch als auch empirisch viele Belege dafür, dass die Erträge von Bildungsinvestitionen mit zunehmendem Alter tendenziell abnehmen.
Darüber hinaus sind sie im jungen Alter tendenziell höher für Kinder aus benachteiligten Schichten, während sie spätestens im Erwachsenenalter tendenziell höher sind für diejenigen, die bereits bis dahin eine qualitativ hochwertige Bildung erfahren konnten. Damit stehen Effizienz und Gerechtigkeit in frühen Phasen des Bildungslebenszyklus im Einklang, in späteren jedoch im Widerstreit.
Deshalb würde eine Verschiebung der staatlichen Mittel aus den späten in die frühen Lebensphasen die deutsche Bildungsfinanzierung sowohl gerechter als auch effizienter machen. Derzeit investiert der Staat in Deutschland relativ viel in solchen Bildungsbereichen, in denen die Erträge am geringsten sind und Chancengerechtigkeit kaum mehr zu erreichen ist. Diese Finanzierungsbereiche sollten verstärkt in die individuelle private Verantwortung übergehen. Demgegenüber investiert der Staat hierzulande relativ wenig in solchen Bildungsbereichen, in denen die Erträge am höchsten sind und eine Förderung der Chancengerechtigkeit wesentlich realistischere Chancen hätte.
Sowohl aus Effizienz- als auch aus Gerechtigkeitsgründen muss sich die staatliche Verantwortung im deutschen Bildungssystem stärker als bisher von älteren zu jüngeren Lernern verschieben - und gerade in Richtung solcher Familien, die ihren Kindern nicht schon von sich aus die besten Bildungschancen bieten.
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