Handelsblatt, 12./13./14.12.2008, Nr. 242, S. K4
In Wittenberg wurde kürzlich die "Lutherdekade" eröffnet. Vieles, was Luther vor bald 500 Jahren angestoßen hat, hat bis heute sichtbare Folgen. So wurde schon lange vermutet, dass Protestanten wirtschaftlich erfolgreicher sind als Katholiken. Auf den vor gut 100 Jahren schreibenden Max Weber geht die viel vertretene These zurück, dass der Grund dafür eine spezifische "protestantische Ethik" sei - Protestanten würden wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen für Gottes Wohlgefallen betrachten und daher härter arbeiten und mehr sparen.
Preußischer Genauigkeit verdanken wir es, dass wir dies heute überprüfen können. Dank umfassender Volkszählungen, die bis heute in Archiven schlummern, und moderner Computertechnik können wir in einer neuen Studie zeigen, was Weber nur vermuten konnte: Protestantische Kreise hatten Ende des 19. Jahrhunderts eine modernere Wirtschaftsstruktur und höhere Einkommen als katholische. Nur liefern wir dafür auch eine neue Erklärung: Luther forderte, dass jeder gute Christenmensch die Bibel, das Wort Gottes, selbst lesen sollte. Dazu muss man aber zunächst einmal lesen können. Darum hat Luther auch die Errichtung von Schulen gepredigt, und seine Reformatoren haben dies vor Ort umgesetzt. Aus moderner ökonomischer Sicht lassen sich die so erlernten Fähigkeiten als Humankapital verstehen, das auch wirtschaftlich nutzbar ist.
Und in der Tat: Unsere Analysen der preußischen Daten belegen, dass protestantische Gegenden wesentlich höhere Schulbesuchs- und Alphabetisierungsquoten aufwiesen. Der Bildungsvorsprung der Protestanten war so groß, dass er für ihren gesamten wirtschaftlichen Vorsprung verantwortlich sein dürfte. Selbst heute lässt sich noch zeigen, dass Protestanten im Durchschnitt mehr verdienen als Katholiken - aber ausschließlich deshalb, weil sie mehr Bildung haben. So hatte Luthers Reformation tatsächlich sehr langfristige, wenn auch unbeabsichtigte Folgen - und die hatten mehr mit besserer Bildung denn mit einer besonderen Arbeitsethik zu tun.
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