Handelsblatt, 05./06./07.09.2008, Nr. 173, S. K4
Zur Vorbereitung auf den nationalen Bildungsgipfel mit den Bundesländern ist Bundeskanzlerin Merkel derzeit auf Bildungsreise durch die Republik. Unter dem Motto „Bildung für alle“ möchte sie sich auf den Weg in die „Bildungsrepublik Deutschland“ machen. Ihrer Meinung nach erwarten die Menschen, um die Soziale Marktwirtschaft akzeptieren zu können, dass das Bildungssystem allen die Chance auf Einstieg und Aufstieg ermöglicht. Kritiker werfen ihr vor, damit die Zuständigkeiten von Bund und Ländern zu verwischen.
Frau Merkel hat Recht. Eine erfolgreiche Bildungspolitik, die allen Kindern gute Startchancen für einen erfolgreichen Lebensweg bietet, ist der zentrale – und in der Ordnungspolitik sträflich vernachlässigte – Bestandteil einer menschenwürdigen und freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Bei den Vätern der Sozialen Marktwirtschaft kam Bildung nicht als zentrale Säule vor. Die Akzeptanz einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung hängt aber davon ab, ob sie die Menschen in die Lage versetzt, von den Möglichkeiten einer freien Wirtschaft zu profitieren. Und dazu müssen sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie beginnen, selbstständig über ihren Lebensweg entscheiden zu dürfen, die gleichen Startchancen haben.
Nur leider gibt es kaum ein anderes Land, in dem die Bildungsleistungen so stark vom familiären Hintergrund der Schüler abhängen wie Deutschland. Mit der Chance auf Aufstieg durch Bildung steht es gerade im Ursprungsland der Sozialen Marktwirtschaft schlecht. Wenn sie mündig werden, ist hierzulande für viele aufgrund einer qualitativ unzureichenden Bildung der Zug bereits abgefahren. Deshalb muss Bildungspolitik als Instrument zur Herstellung gleicher Startchancen eine zentrale Säule der modernen Sozialen Marktwirtschaft werden. Und deshalb ist sie auch eine nationale Aufgabe, die nicht von Eitelkeiten der Landespolitiker torpediert werden darf. Wer hier durch Zuständigkeitsgeplänkel blockiert, wird seiner Verantwortung für unsere Gesellschaft nicht gerecht.
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