Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2007, Nr. 107, S. B1-2
Die Konjunktur zeigt sich zurzeit in bester Verfassung, und die Indikatoren deuten darauf hin, dass das Stimmungshoch in der deutschen Wirtschaft weiter anhalten wird. Auch die Investitionstätigkeit wird dadurch beflügelt. Nach Angaben des VDMA arbeiten viele Maschinenbauunternehmen an der Kapazitätsgrenze. Ähnliches gilt für die Elektroindustrie. Der Investitionszyklus wird also auch noch 2007 Bestand haben und den Aufschwung tragen. Der um 10 Prozentpunkte erhöhte Satz bei der degressiven Abschreibung für mobile Wirtschaftsgüter gilt noch bis Jahresende weiter. Da die degressive Abschreibung ab 2008 ganz abgeschafft werden soll, wird es 2007 vorgezogene Anschaffungen von Investitionsgütern geben.
Von dieser Dynamik profitiert auch das Leasing, das 2007 wieder zu den Wachstumsbranchen zählen wird. Nach den jüngsten Befragungsergebnissen aus dem ifo-Konjunkturtest Leasing waren die Leasinggesellschaften mit ihrer aktuellen Geschäftslage im März erneut sehr zufrieden. Mit einem Plus von 41 Prozent war der Saldo außerordentlich hoch, ebenso die Geschäftserwartungen (+ 37 Prozent). Das Geschäftsklima - als Mittelwert dieser beiden Indikatoren - ist damit auf 39 Punkte gestiegen und liegt damit so hoch wie seit Jahren nicht mehr.
Vom Potential her könnten die Leasinggesellschaften 2007 im Neugeschäft mit Mobilien ein deutliches Plus in der Größenordnung von nominal 6 Prozent erzielen. Das Neugeschäft würde sich dann auf etwa 57 Milliarden Euro summieren, und die Leasingquote für Mobilien dürfte rund 24 Prozent erreichen. Das heißt, fast ein Fünftel aller mobilen Investitionen wäre dann geleast, und der Anteil des Leasings an den außenfinanzierten Investitionen der Unternehmen würde mit etwa 55 Prozent ein beachtliches Niveau erreichen. Die deutschen Leasinggesellschaften haben damit nicht nur im Inland einen hohen Marktanteil erreicht, sie zählen auch international zur Spitzenklasse. Die permanenten Erfolge der in den 1960er und 1970er Jahren zunächst unterschätzten Investitionsalternative haben inzwischen die Skeptiker verstummen lassen.
Ein Prognoserisiko sowohl für die Investitions- als auch für die Leasingentwicklung stellt jedoch die für 2008 geplante Unternehmensteuerreform dar. Nach dem gegenwärtigen Stand des Gesetzgebungsverfahrens sind dort noch einige Elemente enthalten, die die Investitionsbereitschaft der mittelständischen Unternehmen und das Geschäft der Leasinggesellschaften spürbar tangieren könnten. Angesichts seiner immer noch relativ niedrigen Investitionsquote braucht Deutschland jedoch mehr Investitionen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.
Falls das Gesetz bis zur Verabschiedung im Sommer nicht noch modifiziert wird, müssen sich die deutschen Leasinggesellschaften ab 2008 auf die nicht geringen neuen Anforderungen im Gefolge der Unternehmensteuerreform einstellen. In der Entwicklung von Anpassungsstrategien an Veränderungen ihres geschäftlichen Umfelds sind die Leasinggesellschaften allerdings geübt, denn seit der Einführung des Leasings in Deutschland, im Jahr 1962, gab es diesbezüglich keine längeren Atempausen. Inzwischen haben sich die Leasinggesellschaften immer mehr von Anbietern eines Kreditsubstituts zu echten Vermietungsdienstleistern gewandelt, die durch ihre Kompetenz rund um das Investieren und die verschiedenen Investitionsgüter sowie ihre Kundennähe eine Marktlücke besetzen.
Der Marktanteil des Leasings ist dabei in den vergangenen vier Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Eine Verschnaufpause bei Veränderungen des geschäftlichen Umfelds wird es indessen auch in der näheren Zukunft nicht geben; die Leasingbranche muss sich den Anforderungen neuer Rechnungslegungsvorschriften und den direkten und indirekten Auswirkungen des neuen Baseler Eigenkapitalakkords (Basel II) stellen. Vor allem aber wird die Gegenfinanzierung der Unternehmensteuerreform 2008 - sofern die gegenwärtige Fassung Gesetz wird - wohl gravierende Auswirkungen auf die Anbieterstruktur sowie die verschiedenen Geschäftsprozesse, die Rechtsform oder den Firmensitz von Leasinggesellschaften haben. Hier erweist sich allerdings das hochentwickelte Dienstleistungsangebot der Leasinggesellschaften als großer Wettbewerbsvorteil. Besonders bei technisch schnelllebigen Gütern wie IT-Equipment oder Fahrzeugen wird ein großer Teil der Wertschöpfung mit Servicepaketen und nicht mit der Finanzierung erzielt.
In den nächsten Jahren werden die Leasinggesellschaften zudem wieder gefragte Experten bei der Markteinführung neuer energiesparender Technologien sein, die im Gefolge der weiterhin stark steigenden Energiepreise in großer Zahl nachgefragt werden. Auch früher wurden schon neue Technologien via Leasing erfolgreich verbreitet, beispielsweise Großcomputer, Kopiermaschinen, Druckmaschinen (Fotosatz), neue Technik zur Reindustrialisierung der ehemaligen DDR sowie Großgeräte der Medizintechnik.
Bislang ist von den Medien und auch von betroffenen Mittelstandsunternehmen nur unvollkommen wahrgenommen worden, welche Auswirkungen die enorm bürokratische und extrem komplexe Unternehmensteuerreform 2008 und vor allem die geplanten Maßnahmen zu deren Gegenfinanzierung auf die Investitionsentwicklung haben können. Der deutsche Steuerberaterverband kritisierte hingegen hierzu schon recht früh: „Die große Masse der Personenunternehmen wird an keiner Stelle ent-, wohl aber - wie alle Unternehmen - durch verschlechterte Abschreibungsbedingungen belastet." Hinzu kommt die teilweise Besteuerung von gezahlten Zinsen, Mieten und Leasingraten, was die Kapitalkosten erhöht.
Die degressive Abschreibung, die insbesondere für mittelständische Unternehmen ein wichtiger Baustein ihres Finanzkonzepts ist, wird abgeschafft. Hier wird klar, dass diese Steuerreform nicht primär darauf abzielt, die mittelständische Wirtschaft in Deutschland zu stärken, sondern große Unternehmen.
Offenbar hat man die Auswirkungen der letzten Unternehmensteuerreform von 2001 schon vergessen. Auch damals wurde der Körperschaftsteuersatz kräftig gesenkt (von 40 auf 25 Prozent). Im Gegenzug wurden die Abschreibungsbedingungen verschlechtert. Die Investitionen brachen danach drei Jahre in Folge ein, wenn auch nicht nur aus diesen Gründen. Wenn die genannten, ab 2008 drohenden Abschreibungsverschlechterungen und die Erhöhung der Kapitalkosten im Zuge des laufenden Gesetzgebungsverfahrens stärker kommuniziert werden als bisher, ist daher mit einer entsprechenden Reaktion der betroffenen Unternehmen zu rechnen.
Das heißt, es dürften nicht wenige für 2008 geplante Investitionsvorhaben - vor allem von mittelständischen Unternehmen - auf 2007 vorgezogen werden und damit das Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr schönen. Die Kehrseite dieser Medaille wird sich ab 2008 zeigen. Dann ist mit den ersten Nachbesserungsgesetzen und mit gerichtlichen Auseinandersetzungen zu rechnen.
VON ARNO STÄDTLER , Branchenanalyst sowie Investitions- und Leasingforscher, ifo-lnstitut, München
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