Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2010, S. 12
Es sollte in der Tat oberstes Ziel bleiben, Bildung und Forschung zu verbessern, durchaus auch mit einem Schwerpunkt in der frühkindlichen Bildung. Bessere Bildungsergebnisse sind eine Investition in die Zukunft, die auch volkswirtschaftlich hohe Erträge abwerfen. Aber ob man dafür derzeit mehr Geld braucht, ist eine andere Frage. Bisher gibt es kaum Vorschläge, wie man zu wirklichen Verbesserungen der Bildungsergebnisse kommen kann. Aber auf die Ergebnisse kommt es an, nicht auf die Inputs.
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers etwa hat im Wahlkampf kleinere Klassen versprochen. Es gibt aber keine Evidenz dafür, dass diese tatsächlich zu besseren Bildungsleistungen der Schüler führen würden. Sicher ist nur, dass kleinere Klassen teuer sind. Ein weiteres Projekt ist die Garantie von Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren: Wenn es dabei nur um "Betreuung" geht und nicht darum, anregende Bildungsumgebungen zu schaffen, dann ist das öffentliche Geld verschwendet.
Der Punkt ist der: Man kann (leider) viel Geld ausgeben, ohne dass sich an den Bildungsergebnissen etwas verbessert. Deshalb können Bildungsausgaben nicht ohne Bildungspolitik diskutiert werden: Wir benötigen Rahmenbedingungen, die sicherstellen, dass die Mittel auch zielführend eingesetzt werden. Im Schulsystem sind dies etwa Wettbewerb durch Schulen in freier Trägerschaft, größere Schulautonomie und externe Leistungsüberprüfungen. Auch ein längeres gemeinsames Lernen hat positive Auswirkungen - und wird in ländlichen Regionen sogar durchaus zu Einsparpotentialen führen, indem hohe Kosten von Zwergschulen und lange Pendelwege vermieden werden.
Die bildungsökonomische Forschung deutet darauf hin, dass öffentliche Bildungsinvestitionen am meisten erreichen können, wenn sie früh ansetzen und sich auf Kinder aus bildungsfernen Schichten konzentrieren. Deshalb sollten wir insgesamt stärker darüber nachdenken, wie öffentliche Ausgaben gezielt für benachteiligte Kinder eingesetzt werden können, etwa im frühkindlichen und vorschulischen Bereich. Dies wird man durch die generelle Betreuungsgarantie für Kleinkinder nicht erreichen, wenn diese vor allem von wohlhabenden Schichten genutzt wird. Das anvisierte Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, ist sogar kontraproduktiv: Es wird dazu führen, dass gerade Kindern aus ärmeren Familien die Chance einer anregenden Bildungsumgebung verwehrt bleibt, die besonders für sie wichtig wäre. Eine Streichung des Betreuungsgeldes wäre also eine Sparmaßnahme, die Bildungsergebnisse im Zweifelsfall nur verbessert.
Ein Projekt aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung, das im Bundesrat liegt, umfasst die Bafög-Erhöhung und ein Stipendienprogramm zur Studienförderung. Man darf getrost davon ausgehen, dass das aktuelle Ablehnungsvotum des Finanzausschusses des Bundesrates insbesondere föderalistisches Geplänkel zur Verschiebung der Finanzierungslasten zwischen Bund und Ländern ist. Aber auch wenn der Bundesrat dem Gesetzesentwurf letztlich zustimmen sollte, ist zu fragen, ob dies der richtige Einsatz knapper Mittel im Bildungsbereich ist. Die bestehende Forschung deutet jedenfalls darauf hin, dass mangelnder Hochschulzugang nur in seltenen Fällen mit akut fehlenden Finanzmitteln, sondern zumeist vielmehr mit mangelnder Grundlagenbildung und fehlender Bildungsaspiration des Elternhauses zu tun hat. So könnte sich herausstellen, dass ein Großteil des Programms letztlich eher als Förderung der Mittelschicht denn als Mittel zur Verbesserung der Bildungsergebnisse fungieren wird. Eine erfolgreiche Strategie zur Ausweitung des Hochschulzugangs von Kindern aus bildungsfernen Schichten - die ohne Zweifel ein gesellschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvolles Ziel ist - muss weit früher ansetzen.
Sicherlich gibt es viele andere Haushaltsbereiche als die Bildung, in denen volkswirtschaftlich noch weit naheliegenderes Einsparpotential steckt. Trotzdem hilft es ja nicht, Haushaltspolitik nur als Symbolpolitik zu betreiben. Deshalb ist der Sache nicht gedient, wenn man sich für höhere Bildungsausgaben ausspricht, ohne zu sagen, wie diese die Bildungsergebnisse verbessern. Die Frage ist, wo öffentliche Bildungsausgaben wichtig sind. Dazu hat die Forschung einige Erkenntnisse geliefert. Wenn es in Deutschland an Bildungsausgaben mangelt, dann bei der Förderung der Bildungsentwicklung von jungen Kindern aus bildungsfernen Schichten. In der politischen Diskussion hört man kaum etwas dazu, wie dies denn erreicht werden könnte. Im Schulbereich ist es weit wichtiger weil zielführender, eine hohe Qualität der Lehrerschaft zu sichern, als Klassengrößen zu verkleinern.
Viele an Bildung Interessierte argumentieren, dass wir es uns nicht leisten können, Bildungsausgaben zu senken. Was wir uns nicht leisten können, ist aber zu ignorieren, wie die Mittel eingesetzt werden. Im Interesse der Kinder und Jugendlichen sollten wir nur vom Ergebnis her denken, nicht von den Inputs. Die Ausgaben lohnen sich nur, wenn sie die Bildungsleistungen so verbessern, dass die junge Generation in Zukunft etwas davon hat. Ansonsten wäre ihr mehr damit gedient, wenn wir uns die Ausgaben sparen und sie in Zukunft weniger Staatsschulden zurückzahlen muss.
Ludger Wößmann lehrt Volkswirtschaft an der LMU München und arbeitet am Ifo-Institut.
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