Cicero, 01.03.2009, Nr. 3/2009, S. 94
Was wir derzeit weltweit beobachten, ist nichts weniger als die wohl schwerste Rezession seit der Großen Depression, die 1929 ihren Anfang nahm – ebenfalls in den USA. Dies ist nicht die einzige Parallele: Auch damals gab es extreme Kurseinbrüche an den Börsen, Bankenpleiten, Kreditverknappung und schließlich dramatische Produktionsrückgänge. Zwischen Oktober 1929, dem Monat des großen Börsencrashs, und Juli 1932, dem Tiefpunkt der Krise, halbierte sich die amerikanische Industrieproduktion. Dagegen könnte der gegenwärtige Einbruch in den USA von rund 8 Prozent geradezu optimistisch stimmen, hätten wir den Tiefpunkt der Rezession schon erreicht. Doch leider deuten die Frühindikatoren auf eine fortgesetzte Schrumpfung hin. Heute wie damals hat die Krise in den USA die gesamte Weltwirtschaft erfasst. Exportorientierte Länder wie Deutschland sind daher auch diesmal besonders stark betroffen.
Das ist die Lage. Es fällt schwer, optimistisch zu sein. Die Große Depression dauerte sieben Jahre – erst 1936 hatten die USA den Produktionsrückgang wieder wettgemacht. Wird es diesmal ähnlich lang dauern? Glücklicherweise gibt es ein paar ganz wichtige Unterschiede zur damaligen Situation. Viele Ökonomen haben die Große Depression studiert und daraus grundlegende Handlungsanweisungen abgeleitet. Die beiden wichtigsten lauten: Halte das Bankensystem am Leben und fürchte die Deflation.
Ein führender Vertreter dieser Ökonomengruppe ist Ben Bernanke, zufälligerweise gerade jetzt Chef der US-Notenbank, die mittlerweile wirklich alles tut, um die Liquiditätsversorgung des amerikanischen Finanzsystems zu garantieren. Damit soll ein Zusammenbruch systemrelevanter Institute verhindert werden. Weltweit bekämpfen die Zentralbanken den Liquiditätsmangel durch eine verbilligte und massiv erweiterte Geldversorgung der Banken.
Weil das nicht ausgereicht hat, haben die Regierungen der betroffenen Länder mit Kreditgarantien und Eigenkapital geholfen. In Deutschland bleibt das Problem, dass nur die schwächsten Banken staatliches Eigenkapital beantragen, also diejenigen, die am schlechtesten gewirtschaftet haben. Gegenüber den gesunden Banken verzerrt dies den Wettbewerb um knappes Kapital. Besser wäre ein Zwang für jede Bank, die Kapitaldecke zu erhöhen – im Zweifelsfall durch Staatsbeteiligung für alle. Notfalls sind auch die Verstaatlichung maroder Banken und ihre Aufspaltung in einen guten und einen schlechten Teil zu erwägen. Denn erst die Gesundung des Bankensystems wird den Weg für eine durchgreifende wirtschaftliche Erholung ebnen. Wann wird das sein? Wohl kaum in diesem Jahr. Zwar werden die Konjunkturpakete in der zweiten Jahreshälfte greifen, aber wirklich nachhaltiges Wachstum wird wohl noch bis Ende 2010 auf sich warten lassen.
Kai Carstensen ist Leiter des Forschungsbereichs Konjunktur am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München
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