Ist es wirklich so, dass sich die Banken aus dem Kreditgeschäft mit den mittelständischen Unternehmen zurückziehen? Wenn dies so wäre, dann müsste man sich um die Investitionsfähigkeit und damit auch um die Existenz von über 90 % der deutschen Unternehmen ernste Sorgen machen. Sollten die Geschäftsbanken ihre Kreditengagements bei ihren mittelständischen Kunden wirklich deutlich reduzieren, stellt sich die Frage, ob die anderen Finanziers kleiner und mittlerer Firmen, wie Sparkassen, Genossenschaftsbanken oder Leasinggesellschaften, diese Lücke nicht schließen können.
Einerseits wurden im Retailgeschäft Überkapazitäten aufgebaut, andererseits ist die Lücke nicht so groß, wie vielleicht angenommen wird. Die privaten Großbanken waren nie sehr stark beim Mittelstand engagiert; nach einem allmählichen Rückzug seit dem Anfang der 90er Jahre halten sie hier inzwischen nur noch einen relativ geringen Anteil an der direkten Investitionsfinanzierung dieser Unternehmen; bei Existenzgründern sollen die Geschäftsbanken "praktisch nicht mehr existent sein" (Handelsblatt, 28.2.2000).
Wenn man weiterhin bedenkt, dass die Leasinggesellschaften fast die Hälfte der von außen finanzierten Anlageinvestitionen der deutschen Unternehmen bestreiten, wird das bedrohliche Szenario etwas relativiert. Der Leasingbranche kommt es sicher nicht ungelegen, wenn sie von Wettbewerbern Marktanteile übernehmen kann, denn ein anhaltendes überdurchschnittliches Wachstum ist hier angesichts des bereits erreichten Niveaus - ohne besondere Impulse - keine Selbstverständlichkeit mehr. Freilich wird Leasing den Kredit nie völlig ersetzen können, beispielsweise weil sich nicht alle Investitionsgüter für das Leasing eignen. Außerdem kann Leasing nur Investitionskredite substituieren, nicht aber die übrige Kreditnachfrage.
Das Leasing wird auch im Jahr 2000 zu den Wachstumsbranchen zählen, die Gesellschaften halten aber jetzt nur noch eine Wachstumsrate im Neugeschäft von etwa 5% für wahrscheinlich, wobei das Immobilien-Leasing bestenfalls das Vorjahresniveau erreichen werde (BDL-Prognose, Dezember 1999). Dies entspricht etwa der aktuellen Prognose für die gesamtwirtschaftliche Investitionsentwicklung ohne den Wohnungsbau. Die Investitionen in die für die Leasingbranche wichtigen Gütergruppen, Straßenfahrzeuge und Immobilien - sie decken immerhin zwei Drittel aller Leasinginvestitionen ab - werden 2000 wohl nur geringfügig gesteigert werden können. Diese Erwartung ist dafür verantwortlich, dass die Leasingbranche im Jahr 2000 nicht mit einem überdurchschnittlichen Wachstum rechnet.
Nach einem Zuwachs der Pkw-Neuzulassungen von knapp 2% in 1999 dürften sie im Jahr 2000 in etwa stagnieren, bei Büromaschinen und EDV-Anlagen zeichnet sich hingegen ein weiteres Wachstum ab. Die Sonstigen Anlagen, insbesondere Computerprogramme, dürften sogar mit einer zweistelligen Rate zulegen. Die traditionellen Wirtschaftsbereiche Verarbeitendes Gewerbe und Bauwirtschaft planen für das Jahr 2000 nur ein moderates Investitionswachstum, für den Handel dürfte ähnliches gelten. Die Rolle des Investitionsmotors fällt also dem Sektor Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie dem Dienstleistungsbereich zu.
Letzterer ist immerhin der größte Wirtschaftsbereich und hat weiterhin das stärkste Wertschöpfungswachstum vorzuweisen; auf ihn entfallen rund 70 % aller Unternehmensgründungen, weshalb sich auf ihn auch die Hoffnungen für eine Reduzierung der Arbeitslosenzahlen konzentrieren.
Wachstumsimpulse wird das Leasing in Deutschland auch aus der weiteren Internationalisierung des Geschäfts erfahren. Zwar dürften deutsche Leasinggesellschaften nun verstärkt durch Direktinvestitionen im Ausland aktiv werden, diese erscheinen anders als echte Cross-Border-Engagements nicht in den Inlandsbilanzen, andererseits ist mit einem weiteren Zuzug ausländischer Anbieter auf den deutschen Markt zu rechnen, was zu einem Wachstum der Leasinginvestitionen im Inland führen kann.
Wie eine umfangreiche Untersuchung des Ifo Instituts gezeigt hat, werden die deutschen Leasinggesellschaften ihr Auslandsengagement in den nächsten Jahren verstärken und ihre internationalen Netzwerke ausbauen. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass das Leasing in Deutschland schon eine relativ hohe Marktdurchdringung erreicht hat. In den nächsten zehn Jahren dürften ständig überdurchschnittliche Wachstumsraten der Leasinginvestitionen keine Selbstverständlichkeit mehr sein. Es ist daher naheliegend, neue Wachstumspotenziale zu erschließen. Der Dienstleistungsexport kann aber nur ein nennenswertes Ausmaß erreichen, wenn diese Geschäfte einen auskömmlichen Ertrag ermöglichen. Dieser ist nur erzielbar, wenn sowohl im Inland als auch im Ausland die Rahmenbedingungen stimmen.
Leasinggeschäfte sind sehr komplex; es findet nicht nur ein Export von Industriegütern statt, sondern auch von Finanz- und sonstigen Dienstleistungen. Zudem sind Bilanzierungsfragen von besonderem Interesse. In erster Linie ist daher eine Rechtssicherheit, vor allem beim Zivil- und Steuerrecht, Voraussetzung. Daneben sind die Standards bei der Rechnungslegung bedeutsam. Falls in diesen Fragen in nächster Zeit dauerhafte und praxisgerechte europäische Lösungen gefunden werden, die eine wesentlich geringere Regelungsvarianz zwischen einzelnen Ländern aufweisen als bisher, wird sich das Auslandsgeschäft deutscher Leasinggesellschaften nicht nur schwerpunktmäßig auf die Begleitung deutscher Unternehmen ins Ausland sowie Big Tickets und Ad-hoc-Geschäfte stützen, sondern es kann sich dann auch ein volumenstärkeres Breitengeschäft entwickeln. Allerdings wird das Export-Leasing keine Einbahnstraße sein. Es werden auch ausländische Anbieter verstärkt den deutschen Markt bearbeiten, der der größte in Europa und der drittgrößte weltweit ist.
Nach Einschätzung von Creditreform wird sich die Situation bei den Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2000 voraussichtlich weiter etwas entspannen. Dies kann nicht nur die Ertragsentwicklung der Leasinggesellschaften, sondern auch das Neugeschäft günstig beeinflussen. Schließlich übernehmen Leasinggesellschaften nun öfter Investitionsrisiken auf dem Wege des Operating-Leasings oder des Asset Management und feilen weiter an ihrem Dienstleistungsprofil, das vom Investitionsconsulting bis zum Full-Service-Leasing reicht. Damit kann das Marktpotenzial besser ausgeschöpft und die Wertschöpfung erhöht werden.
Produkte, die durch unverwechselbare komplementäre Dienstleistungen ergänzt werden, heben sich auch deutlicher von Konkurrenzangeboten ab. "Indem Unternehmen ihren Produkten Dienstleistungshüllen umlegen, können sie ihr Angebot individualisieren und damit Markteintrittsbarrieren schaffen" (ifo Schnelldienst 29/1999). Im Fall des Operating-Leasings werden die Kunden in ihrer zeitlichen Investitionsplanung und Nutzung flexibler, außerdem entfällt das Andienungsrecht für den Leasinggeber.
Mit dem Asset Management wird eine Steuerung der Aktiva mit dem Ziel betrieben, den Kapitaleinsatz im Unternehmen zu optimieren und ungenutzte Reserven der Innenfinanzierung zu mobilisieren. Besonders hohe Effizienzgewinne können entstehen, wenn ungenügend genutzte oder überdimensionierte Betriebsgebäude durch ein Immobilienmanagement optimiert werden können. Dabei ist an einen Verkauf oder an eine komplette bzw. teilweise Vermietung - eventuell auch auf dem Wege des Sale and Lease back - zu denken. Insbesondere auch für kleine und mittlere Unternehmen mit beschränktem Zugang zum organisierten Kapitalmarkt ist eine effiziente Nutzung des Kapitals durch selektive Reduzierung des eingesetzten Betriebsvermögens bedeutend. Beim traditionellen Investitionskredit der Banken werden indessen Investitionen eher nach ihrer Kreditwürdigkeit als nach ihrer Produktivität finanziert.
In der Welt der Großunternehmen bzw. der Konzerne hat sich schon seit Jahren ein zweites Finanzsystem neben den Banken etabliert was auch als "Disintermediation" bezeichnet wird. Das heißt, die Kreditinstitute verlieren als Finanzintermediäre in diesem Segment an Bedeutung. Die Konzernzentralen sind selbst zu Banken geworden und finanzieren sich unmittelbar an den Kapitalmärkten. Sie sparen so einen großen Teil der Transaktionskosten.
Nun wollen sich die Banken angeblich auch teilweise bei den Investitionskrediten für mittelständische Unternehmen zurückziehen. Diese Entwicklung wird noch dadurch unterstützt, dass von den Banken gemäß dem "Baseler Akkord" gefordert wird, ihre Risikopositionen im Firmenkundenkreditgeschäft verstärkt durch Eigenkapitaleinlagen abzusichern.
Die Reformvorschläge aus Basel und Brüssel sehen vor, dass sich die Banken bei der Kreditgewährung an Firmenkunden auf deren Bonitätsbeurteilung durch externe Ratingagenturen stützen sollen. Die deutsche Kreditwirtschaft verlangt zwar auch die Anerkennung interner Ratings, gegen diese wehren sich allerdings die Angelsachsen. Mit der Umsetzung der in Basel ausgearbeiteten Vorschläge in das nationale Recht ist erst im Jahr 2003 zu rechnen.
Wegen der nicht unerheblichen Kosten für externe Ratings müssten vor allem mittelständische Unternehmen mit Nachteilen rechnen, ganz zu schweigen von Existenzgründern. Angesichts der relativ niedrigen durchschnittlichen Kreditsumme von etwa 200 000 DM würde sich die Fremdfinanzierung dieser Firmen erheblich verteuern (Süddeutsche Zeitung, 3.3.2000).
Aus diesen Gründen soll sich sogar die Bundesregierung Sorgen um die Mittelstandsfinanzierung machen (Handelsblatt, 29.2.2000). Besonders stark betroffen von derartigen Kreditrestriktionen sollen Unternehmen mit weniger als 5 Mill. DM Jahresumsatz sein. Dazu zählen im Verarbeitenden Gewerbe 88 %, im Baugewerbe 96 % und im Einzelhandel sowie im Dienstleistungssektor je 97 % aller Unternehmen. Am schwierigsten wird es für junge Firmen werden, die ja noch keine Performance nachweisen können. Ausgenommen sind die wenigen, die die Chance haben am Neuen Markt gelistet zu werden.
Im Gegensatz zu den sechziger und siebziger Jahren geben die Kreditinstitute also heute freiwillig Marktanteile an Leasinggesellschaften ab, vorzugsweise natürlich an ihre eigenen Töchter. Inzwischen hält die Leasingbranche bei den von außen finanzierten Investitionen der westdeutschen Unternehmen einen Anteil von nahezu 50%, der Rest entfällt auf Kreditinstitute und Beteiligungsfinanzierungen. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die Banken gleichwohl immer noch sehr stark in der Investitionsfinanzierung engagiert sind, und dies wohl auch bleiben werden, allerdings indirekt über die Leasinggesellschaften. Ein derart hoher Kapitalbedarf wie im Leasingsektor - das Brutto-Anlagevermögen der Branche beläuft sich gegenwärtig immerhin auf rund 310 Mrd. DM - lässt sich nicht an den Banken vorbei generieren.
Die Banken haben schon vor Jahren erkannt, dass für Objektfinanzierungen im Mittelstand und insbesondere auch bei den begleitenden Dienstleistungen viel spezielles Know-how benötigt wird. Sie haben dieses Geschäft daher an Tochtergesellschaften im Leasingsektor ausgegliedert, die nicht nur Finanzexperten sind, sondern auch Spezialisten für Investitionsgüter und Dienstleistungen rund um die Investition. Heute vermitteln zahlreiche Banken und Sparkassen die Produkte von Leasinggesellschaften aus ihrem Verbund auch über den Bankschalter, daher sind Leasingangebote in Deutschland nahezu flächendeckend erhältlich. Dieses Modell wird auch als Drittvertrieb bezeichnet. Für die herstellerabhängigen Leasinggesellschaften und Banken fungieren die Handelsunternehmen als Vertriebspartner in der Region.
Ein mittelständischer Betrieb kann also inzwischen nahezu überall in Deutschland unter mehreren Leasinganbietern vor Ort wählen, ohne auf das Internet angewiesen zu sein. Von daher relativiert sich die Befürchtung etwas, mittelständische Unternehmen würden wegen "des Rückzugs der Banken aus dem Kreditgeschäft" nennenswerte Probleme bei der Finanzierung ihrer Investitionen bekommen.
Sollten sich einige Geschäftsbanken tatsächlich zunehmend restriktiver bei der Finanzierung des Mittelstandes verhalten, so wird sich die Leasingquote in Deutschland zügig den relativ hohen Niveaus in den USA oder in England annähern. Es wäre fatal, wenn alle Gruppierungen der deutschen Kreditwirtschaft bei der Finanzierung des gewerblichen Mittelstandes Abstinenz üben würden; das ist jedoch sehr unwahrscheinlich, schließlich gibt es Institute, die sich auf dieses Kundensegment spezialisiert haben. Warum sollten diese sich die Chance entgehen lassen, ihren Marktanteil zu vergrößern?
Problematisch für die Investitionsfinanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen kann es gleichwohl werden, wenn durch Maßnahmen des Gesetz- oder Verordnungsgebers die Geschäftsgrundlagen der Leasingindustrie bewusst oder unbewusst eingeschränkt würden. Wegen der überaus komplexen Leasingmaterie mit ihren vielfältigen, für Laien nicht auf den ersten Blick erkennbaren, Rück- oder Nebenwirkungen wäre es in den letzten Jahren schon des öfteren beinahe zu beträchtlichen "Fehlleistungen" gekommen.
Arno Städtler
Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Handelsblatts.
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