Süddeutsche Zeitung vom 28.03.2001, S.V5
Nachdem der Anteil des Cross-Border-Leasing am gesamten Neugeschäft der deutschen Leasinggesellschaften bis 1996 stets deutlich unter 3 % geblieben war, erreichte er 1997 mit rund 5 % seinen vorläufigen Höhepunkt. Danach war er wieder rückläufig, was vor allem auf Steuerrechtsänderungen in Deutschland zurückzuführen ist, die das Flugzeug-Leasing stark beeinträchtigten. Die deutschen Leasinggesellschaften verstärkten ihre Auslandspräsenz dennoch. Nicht zuletzt durch die Öffnung der osteuropäischen Länder haben sich den deutschen Lesinggesellschaften Chancen geboten. Zunächst begleitete man westdeutsche Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in die osteuropäischen Staaten, danach kam es und kommt es immer noch zu eigenen Gründungen in unterschiedlicher Form.
Zur gleichen Zeit erhöhten die deutschen Leasinggesellschaften auch ihre Aktivitäten in einigen westeuropäischen Ländern und, beim Big-Ticket-Leasing, sogar weltweit. Einige große Gesellschaften hatten sich so viel spezielles Know-how angeeignet, daß sie z.B. Flugzeuge in die verschiedensten Länder verleasen konnten. Das Wachstum in diesem Marktsegment war bis 1998 beachtlich.
Trotz der in den letzten Jahren deutlich gesteigerten Aktivitäten blieb der Anteil des echten Cross-Border-Leasing am gesamten Neugeschäft der deutschen Leasinggesellschaften immer noch relativ gering, ebenso wie die Zahl der hier involvierten Leasinggesellschaften. Die Situation ist allerdings in den meisten anderen Industrienationen ähnlich. Generell ist der Export von Dienstleistungen schwieriger als der von Industriegütern und erfordert meist wesentlich umfangreichere Marktkenntnisse über das Bestimmungsland. Dies trifft in besonderem Maße für das Leasing zu. Die Gründe hierfür sind in der sehr unterschiedlichen steuerlichen Behandlung und den stark differierenden Rechtsnormen der einzelnen Länder zu suchen, die ein grenzüberschreitendes Leasinggeschäft sehr komplex und auch risikoreich machen. Auf der anderen Seite lassen sich damit oft Stundungsvorteile bei den Zöllen oder der Einfuhrumsatzsteuer erzielen. Wegen der relativ hohen Kosten rechnen sich im direkten Export-Leasing Auftragsvolumina unterhalb von 500 000 DM in der Regel nicht. Trotzdem beabsichtigen die meisten der großen deutschen Leasinggesellschaften ihre Auslandsaktivitäten in den nächsten Jahren noch zu verstärken. Allerdings in erster Linie mittels Direktinvestitionen im Ausland, das bedeutet meist die komplette oder teilweise Übernahme bereits bestehender Leasinggesellschaften, bzw. Joint Ventures mit diesen. Im Gastland wird somit "Domestic Leasing" betrieben.
Internationale Netzwerke
Die Tatsache, dass derzeit nur wenige mittelständische deutsche Leasinggesellschaften auf ausländischen Märkten aktiv sind, hat neben der oft unzureichenden Unternehmensgröße diverse weitere Gründe. An erster Stelle steht die Rechtsunsicherheit, gefolgt von finanziellen Risiken und der zu geringen Kundennähe im Ausland. Demnach sind die wichtigsten ausländischen Absatzmärkte der deutschen Leasinggesellschaften insbesondere Westeuropa, gefolgt von den mitteleuropäischen Reformländern, den ehemaligen GUS-Staaten sowie Nordamerika. Als Begründung für ihre Auslandsaktivitäten geben die Leasinggesellschaften vor allem an, daß sie ihren Kunden ins Ausland folgen. Immerhin ist dieses Motiv für über 90 % der Unternehmen sehr wichtig oder wichtig. Als weitere bedeutende Gründe wurden genannt: Erschließung zusätzlicher Geschäftsfelder, Begleitung von Warenexporten, Realisierung von Größenvorteilen (Skaleneffekte), frühzeitige Informationen über neue Trends sowie Imageverbesserung.
Die deutschen Leasinggesellschaften werden ihr Auslandsengagement in den nächsten Jahren verstärken und ihre internationalen Netzwerke ausbauen. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass das Leasing in Deutschland auf Teilmärkten schon eine relativ hohe Marktdurchdringung erreicht hat. In den nächsten zehn Jahren dürften ständig überdurchschnittliche Wachstumsraten der Leasinginvestitio-nen keine Selbstverständlichkeit mehr sein. Es ist daher naheliegend, neue Wachstumspotentiale zu erschließen. Der Dienstleistungsexport kann aber nur ein nennenswertes Ausmaß erreichen, wenn sie einen auskömmlichen Ertrag ermöglichen. Der ist nur erzielbar, wenn sowohl im Inland als auch im Ausland die Rahmenbedingungen stimmen. Leasinggeschäfte sind sehr komplex; es findet nicht nur ein Export von Industriegütern statt, sondern auch von Finanz- und sonstigen Dienstleistungen. Zudem sind Bilanzierungsfragen von besonderem Interesse. In erster Linie ist daher eine Rechtssicherheit, insbesondere beim Zivil- und Steuerrecht, Voraussetzung, daneben sind die Standards bei der Rechnungslegung bedeutsam. Wenigstens hier sind Harmonisierungstendenzen durch die weitere Verbreitung internationaler Bilanzierungsregeln, wie IAS und US-GAAP feststellbar. Falls in nächster Zeit dauerhafte und praxisgerechte europäische Lösungen gefunden werden, die eine wesentlich geringere Regelungsvarianz zwischen den einzelnen Ländern aufweisen, könnten sich auch mehr mittelständische Leasinggesellschaften im Auslandsgeschäft engagieren als bisher.
Konkurrenz aus Europa
Allerdings wird dann das Export-Leasing keine Einbahnstraße sein, sondern es werden auch ausländische Anbieter verstärkt den deutschen Markt bearbeiten, der der größte in Europa ist. Schon heute gibt es einige Leasinggesellschaften, die sich als paneuropäisch bezeichnen können. Mit der Einführung der Eurowährung im nächsten Jahr dürfte sich das gegenseitige Durchdringen der bisher nationalen Leasingmärkte beschleunigen. Dabei ist noch offen, ob die deutschen Leasinggesellschaften dabei per Saldo gewinnen werden. Die relative Bedeutung des Leasing ist in den einzelnen europäischen Staaten recht unterschiedlich. Daher besteht die Möglichkeit, dass Leasinggesellschaften aus Ländern mit höheren Leasingquoten als in Deutschland - aufgrund des auf ihren Heimatmärkten bereits hoch ausgeschöpften Potenzials - verstärkt in den deutschen Leasingmarkt eindringen werden.
Mit der Öffnung der mittel - und osteuropäischen Märkte haben sich für die deutschen Leasinggesellschaften interessante Perspektiven ergeben. Eine Reihe von Unternehmen hat dort bereits erfolgreich Fuß gefaßt. Auf absehbare Zeit wird das Auslandsgeschäft deutscher Leasinganbieter hier wohl höhere Wachstumsraten aufweisen als in den westlichen Ländern. Das hängt auch damit zusammen ,dass man in letzteren generell auf eine etablierte Konkurrenz inländischer Anbieter trifft , was in Mittel - und Osteuropa nicht der Fall ist.
Arno Städtler
Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.
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