Die Investitionen erweisen sich nach wie vor als Achillesferse der Entwicklung
Süddeutsche Zeitung, 26.03.2003, S. V15
Die Besorgnis erregende Investitionsschwäche in Deutschland hält noch immer an. Im Jahr 2002 reduzierten sich die Ausgaben für Ausrüstungsgüter und sonstige Anlagen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nominal um 7,9%, nach - 4,3% in 2001. Die Investitionen erweisen sich damit weiter als die Achillesferse der Konjunkturentwicklung. Ausschlaggebend hierfür sind die gering ausgelasteten Produktionskapazitäten bei weiterhin labiler Gesamtnachfrage und die Unsicherheit bezüglich der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung, hinzu kommen verstärkte Finanzierungs- und Ertragsprobleme vieler mittelständischer Unternehmen, die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe sowie die anhaltend schwachen Aktienbörsen. Last but not least ist die große Verunsicherung der Investoren durch das Steuerpaket der Bundesregierung zu nennen (siehe Kommentar).
Die markante Investitionszurückhaltung der Unternehmen hinterlässt auch in der Leasingbranche kräftige Bremsspuren, wie der jüngste ifo Konjunkturtest bei den Leasingunternehmen zeigt. Bereits seit fast zwei Jahren ist der Stimmungsindikator - mit Ausnahme des ersten Quartals 2002 - abwärtsgerichtet. Das Geschäftsklima, das geometrische Mittel aus Geschäftslage und Geschäftserwartungen, fiel im vierten Quartal 2002 auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Umfrage im Jahr 1990 und erreichte zum Jahresende ein neues Allzeittief. Dies lag in erster Linie an den deutlich weniger zuversichtlichen Geschäftserwartungen. Bei der Beurteilung der aktuellen Geschäftslage gewannen die positiven Einflüsse dagegen etwas an Gewicht.
Optimismus lässt nach
Fast jedes fünfte Leasingunternehmen bewertete im vierten Quartal die Lage als günstig, 69% als befriedigend, und 12% der Testteilnehmer empfanden ihren augenblicklichen Geschäftsverlauf als schlecht. Die Urteile liegen aber noch weit vom vergleichbaren Vorjahreswert entfernt (per saldo +7% gegenüber +24% im 4. Quartal 2001). Der Optimismus in den Erwartungen für das erste Halbjahr 2003 hat kräftig nachgelassen, mit per saldo +10% hatten die zuversichtlichen Stimmen nur noch ein geringes Übergewicht. 30% der Testteilnehmer erwarten einen günstigeren Geschäftsverlauf, jeder fünfte ist aber skeptisch.
Nachdem die Leasingunternehmen im ersten Quartal 2002 erstmalig mit einem spürbar rückläufigen Neugeschäft konfrontiert wurden, blieben auch die Ergebnisse des zweiten, dritten und vierten Quartals deutlich hinter den Vorjahreswerten zurück. Allerdings hat sich der Abwärtstrend nicht weiter beschleunigt. Die positiven Erwartungen im dritten Quartal 2002 haben sich bei den Leasingunternehmen offenbar erfüllt, zum Jahresende hin verbuchten die Unternehmen wohl eine leichte Zunahme beim Neugeschäft. Gegenüber dem vergleichbaren Vorjahr dürfte das Plus sogar noch einen "Tick" höher gelegen haben, offenbar prägten gewisse Vorzieheffekte das relativ gute Quartalsergebnis. Die gesamtwirtschaftlichen Ausrüstungsinvestitionen hatten gegenüber dem Vorquartal ebenfalls leicht zugelegt.
Furcht vor Kreditklemme
Erstmals seit 1994 verfehlt das Neugeschäft im Mobilien-Leasing im Jahresdurchschnitt das Vorjahresergebnis, und zwar in einer Größenordnung von gut 2%. Gleichwohl dürfte die Leasingquote 2002 weiter gestiegen sein (über 22%). Diese neuerlichen Marktanteilsgewinne sind nicht zuletzt auch auf die zurückhaltendere Kreditvergabe des Bankensektors gegenüber mittelständischen Unternehmen zurückzuführen. Es gibt bereits Befürchtungen, dass es zu einer Kreditklemme kommen könnte.
In Bezug auf das künftige Neugeschäft ist der bisherige Optimismus der Leasinggesellschaften von deutlicher Skepsis abgelöst worden. Die drohenden negativen Auswirkungen des Steuerpakets der Bundesregierung hat die Testteilnehmer wohl veranlasst, die Entwicklung des Neugeschäfts vorsichtig einzuschätzen. Nur noch 21% der Leasinggesellschaften erwarten in den nächsten Monaten ein höheres Neugeschäft, jeder zweite rechnet mit einer gleichbleibenden Entwicklung, aber 29% der Testteilnehmer befürchtet eine weitere Abnahme.
Zwei von drei Leasinggesellschaften klagen mittlerweile über Behinderungen ihrer Geschäftstätigkeit. Das nachlassende Neugeschäft macht zwar den Unternehmen immer noch schwer zu schaffen, die Sorgen über schwach gefüllte Auftragsbücher stehen aber nicht mehr an erster Stelle. Nach Ansicht der Testteilnehmer boten zwar die fehlenden Aufträge im vierten Quartal 2002 etwas weniger Anlass zur Kritik, fast 40% der Unternehmen klagten aber immer noch darüber. Behinderungen durch rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen erhöhten sich dagegen kräftig und stehen dabei an erster Stelle: 43% der Testteilnehmer fühlten sich zuletzt davon betroffen. Vor allem die drohende "Leasingsteuer" und die "Dienstwagensteuer" und der dadurch ausgelöste Attentismus der Investoren dürften hierfür verantwortlich sein. Die bereits seit drei Jahren rückläufigen Pkw-Zulassungen blieben auch im Januar und Februar 2003 im Minus.
Die konjunkturelle Entwicklung hat den Fachkräftemangel von Leasingexperten fast vergessen lassen, nur noch vereinzelt waren diese Klagen zu hören (4% gegenüber 22% im entsprechenden Vorjahresquartal). Refinanzierungsprobleme blieben mit 12% der Nennungen unverändert, sonstige Einflussgrößen spielten nach wie vor keine Rolle (3%).
Nachdem das Beschäftigungswachstum in der Leasingbranche bis zur Jahresmitte 2002 - wenn auch mit Unterbrechungen - spürbar an Schwung verlor, tendieren zumindest die geglätteten Werte nach oben. Nach den aktuellen Befragungsergebnissen hatten im vierten Quartal 2002 45% der Leasingunternehmen Personal eingestellt, dem standen aber 16% mit Personalentlassungen gegenüber, 39% der Testfirmen konnten ihr Personal halten. Insgesamt erhöhte sich damit vorübergehend die Zahl der Beschäftigten um rund 1%. Als Trendwende am Arbeitsmarkt ist diese vorübergehende Verbesserung aber noch nicht zu interpretieren: Die Erwartungen für die nächste Zeit sind nach wie vor von Vorsicht geprägt, positive und negative Stimmen halten sich lediglich die Waage. Die überwiegende Mehrheit der Testteilnehmer (78%) geht davon aus, dass sich die Zahl der Beschäftigten in den nächsten Monaten im Großen und Ganzen kaum verändern wird.
Prognose unmöglich
Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Investitionen und des Leasing ist so groß, dass erstmals seit 25 Jahren weder vom BDL noch vom ifo Institut eine Prognose für das Leasingneugeschäft des laufenden Jahres abgegeben werden konnte.
Sollten die Maßnahmen der Bundesregierung, die die Leasingbranche überproportional belasten würden tatsächlich umgesetzt werden, so muss für die Leasingbranche in 2003 mit einem deutlichen Minus im Neugeschäft gerechnet werden. Das würde auch die gesamtwirtschaftlichen Ausrüstungsinvestitionen tangieren, denn Leasinginvestitionen können derzeit gar nicht in nennenswertem Umfang wieder vom Investitionskredit der Banken substituiert werden.Sollte das Steuerpaket allerdings alsbald zurückgezogen werden, so ist indessen damit zu rechnen, dass sich die seit drei Quartalen aufwärts gerichtete Entwicklung der Ausrüstungsinvestitionen fortsetzt und eventuell schon im zweiten Quartal 2003 eine positive Veränderungsrate erreicht wird. Nach der langen Investitionszurückhaltung gibt es bei den Unternehmen genügend aufgeschobene Projekte - zumindest im Bereich der Ersatzinvestitionen - die zügig realisiert werden könnten.
Joachim Gürtler Arno Städtler
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