Münchner Merkur vom 16./17.02.2002,
Von Gernot Nerb und Hans G. Russ *)
München - Die Stimmung unter den bayerischen Industriefirmen bessert sich allmählich. Der Ende letzten Jahres beobachtete Aufwärtstrend des ifo Geschäftsklimas hat sich im Januar leicht verstärkt: Zwar beurteilten die Unternehmen die aktuelle Situation sogar noch etwas negativer als bisher, die Erwartungen für die nächsten sechs Monate tendierten jedoch spürbar nach oben und waren sogar weniger negativ als vor den Anschlägen in den USA.
Verbessert haben sich vor allem die Geschäftserwartungen der Vorleistungsgüterproduzenten (z. B. Chemie). Dies ist insofern positiv zu werten, als nach dem Muster früherer Zyklen aus diesen Bereichen die ersten konjunkturellen Impulse kommen. Auch die bayerische Kfz-Industrie hält sich dank ihrer Strategie, sich weltweit auf qualitativ hochwertige Absatzsegmente zu konzentrieren, recht gut.
Zu den Branchen, die sich trotz Konjunkturabschwungs gut behaupten konnten, zählen ferner die Medizin-, Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Hoffnungsschimmer für eine Absatzbelebung sind auch in der Rundfunk-, Fernseh- und Nachrichtentechnik zu erkennen. Zur Klimabesserung beigetragen hat der lebhafte Auftragseingang aus dem Ausland im Dezember, der laut Statistik 3 % über dem Vorjahresniveau lag. Vor allem Großaufträge aus dem Investitionsgüterbereich waren hierfür verantwortlich. Die Nachfrage aus dem Inland ist allerdings immer noch rückläufig.
Es scheint sich hier wieder zu bestätigen, dass ohne konjunkturelle Impulse aus dem Ausland in Deutschland kaum ein Aufschwung zu schaffen ist. Dies ist nicht gerade schmeichelhaft für die größte Volkswirtschaft in Euroland. Noch ist allerdings der Aufschwung wenig sichtbar. Erfahrungsgemäß dauert es noch einige Monate, bevor die Produktion nennenswert anspringt, selbst wenn die Geschäftserwartungen der Firmen in den nächsten Monaten weiter nach oben tendieren sollten.
Die Kapazitätsauslastung in der bayerischen Industrie ist bis zuletzt zurückgegangen, und auch die Produktionspläne kündigen für die nächsten 3 Monate noch weitere Einschränkungen an. Die Auftragslage insgesamt ist nach wie vor unbefriedigend.
Am Arbeitsmarkt setzt die konjunkturelle Erholung üblicherweise sogar noch später ein als bei der Produktion, da die Unternehmen zunächst ihre Arbeitszeit- und Produktivitätsreserven nutzen, bevor sie Neueinstellungen vornehmen. Die insgesamt noch labile Konjunktur schlägt sich auch darin nieder, dass die Industrie kaum Preisanhebungen durchsetzen kann. Für die nächsten drei Monate erwarten per Saldo nur 4% der Firmen höhere Preise; vor Jahresfrist waren es noch 15 %.
Die bekannt gewordenen Lohnforderungen passen nicht zu dem scharfen internationalen Preiswettbewerb und könnten die notwendige Verstärkung der noch schwachen Auftriebskräfte gefährden.
*) Gernot Nerb ist Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbefragung im ifo Institut. Hans G. Russ ist wissenschaftlicher Referent mit Schwerpunkt Regionalentwicklung.
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