Münchner Merkur vom 6./7.10.2001, S. 22
Von Gernot Nerb und Hans G. Russ
München - Die vor dem 11. September, dem Tag des Terroranschlags in den USA, vorliegenden Indikatoren für die Weltwirtschaft signalisierten den Beginn einer konjunkturellen Erholung im vierten Quartal. Bisher gibt es keine verlässlichen Anhaltspunkte dafür, ob und wie weit sich die konjunkturelle Wende nun verzögert. Dies hängt entscheidend davon ab, ob eine Eskalation der weltpolitischen Situation verhindert werden kann und es nicht zu einer starken Erhöhung der Ölpreise kommt.
KONJUNKTURTEST BAYERN
Nach dem jüngsten ifo Konjunkturtest für Bayern tendiert das Geschäftsklima weiter nach unten. Dabei dürften die Anschläge in den USA allerdings die Grundstimmung in den Unternehmen nicht wesentlich beeinträchtigt haben, wie eine Sonderauswertung der Firmenmeldungen vor und nach diesem Ereignis ergab. Dies gibt zumindest Anlass zur Hoffnung, dass von der Unternehmerstimmung der Abwärtstrend nicht beschleunigt wird.
Allerdings gibt es aber auch wenig Grund zur Entwarnung. Wie nämlich die neuen Konjunkturtestergebnisse für Bayern auch zeigen, ist in den konjunkturellen Vorreiterbranchen wie Chemie, Stahl und andere Vorprodukte der vorher ansatzweise erkennbare Erholungstrend im August wieder zum Erliegen gekommen. Die Exporterwartungen waren erstmals seit mehr als zwei Jahren wieder negativ. Die Produktionspläne deuten im gesamten verarbeitenden Gewerbe verstärkt nach unten. Deshalb muss davon ausgegangen werden, dass sich hier das Produktionswachstum in Bayern, das im ersten Halbjahr nur mehr 2,4 % nach 8 % im Jahresdurchschnitt 2000 betragen hatte, weiter abschwächen wird. Einige wenige Lichtblicke gibt es aus dem Bereich der langlebigen Konsumgüter (z.B. Pkw, elektrotechnische Gebrauchsgüter), wo sich die Geschäftsperspektiven für die nächsten sechs Monate nicht unerheblich gebessert haben. Hierzu tragen nicht nur die Hoffnungen auf ein besseres Inlandsgeschäft, sondern auch eine weiterhin robuste Exportkonjunktur bei. Von der Baukonjunktur geht jedoch ein zunehmend bremsender Einfluss aus. Auch der Dienstleistungssektor, der lange Zeit konjunkturstabilisierend gewirkt hat, zeigt nun Abschwächungstendenzen. Dies bestätigen die neuesten Konjunkturtestergebnisse bei den EDV-Dienstleistern. Zwar lag hier das Geschäftsklima auch im zweiten Vierteljahr noch deutlich im positiven Bereich, es wurde aber der ungünstigste Wert seit 1995 erreicht. Erstmals registrierten die Unternehmen einen Rückgang der Aufträge.
Der Anstieg der Beschäftigtenzahl hat sich erneut abgeschwächt, und für die nächsten Monate wurden die Personalpläne deutlich nach unten korrigiert. Das bayerische Wirtschaftsministerium hat die Prognosen für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr weiter nach unten revidiert und geht nun von einem Wachstum von 1 - 1,5 % aus (2000: 4,3 %). Aber selbst dieses Ergebnis muss angesichts der schwachen Entwicklung im ersten Halbjahr (1,2 %) als ehrgeizig angesehen werden.
Gernot Nerb ist Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbefragungen im Münchner ifo Institut. Hans G. Russ ist wissenschaftlicher Referent mit Schwerpunkt Regionalentwicklung.
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