Münchner Merkur vom 5./6.01.2002, S. 1
Von Gernot Nerb und Hans G. Russ *)
München - Erstmals seit sieben Monaten hat sich das Geschäftsklima in der gewerblichen Wirtschaft Bayerns zum Jahresende 2001 nicht weiter verschlechtert, sondern nach oben entwickelt. Dies ist jedoch bisher nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer: Nach den Erfahrungen aus früheren Konjunkturzyklen kann man von einer Trendumkehr erst sprechen, wenn der Indikator drei Monate in Folge in eine Richtung zeigt.
KONJUNKTURTEST BAYERN
Die- Besserung des Klimas resultierte ausschließlich aus weniger pessimistischen Geschäftserwartungen; die aktuelle Lage hat sich dagegen bis zuletzt verschlechtert. Die Hoffnungen der bayerischen Unternehmen stützen sich offensichtlich auf etwas positivere Signale aus dem Ausland, vor allem aus den USA. Von der Inlandsnachfrage zeichnen sich bisher in Deutschland keine Impulse ab.
Vor diesem Hintergrund wird eine durchgreifende konjunkturelle Erholung noch auf sich warten lassen. Die Produktionspläne der bayerischen Industrie für die nächsten 3 Monate signalisieren jedenfalls noch weitere Kürzungen, und dementsprechend sind auch die Personalpläne noch weiter nach unten gerichtet. Die Besserungen in den Geschäftserwartungen für das nächste halbe Jahr sprechen daher für einen konjunkturellen Wendepunkt frühestens im zweiten Quartal 2002.
Zu einer konjunkturellen Belebung beitragen dürfte die bis zuletzt verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Industriefirmen. Dieser positive Trend wurde allerdings zum Teil durch Rationalisierungsmaßnahmen, einhergehend mit Beschäftigtenabbau, erkauft. Sollten die anstehenden Tarifverhandlungen nicht zu moderaten Lohnerhöhungen führen, könnte sich das Rationalisierungskarussell noch schneller drehen. Außerdem wäre bei überzogenen Lohnerhöhungen zu befürchten, dass die Europäische Zentralbank die erhofften weiteren Zinssenkungen unterlässt und möglicherweise sogar die monetären Zügel strafft.
Mehr Sicherheit an der Lohnfront wäre auch wichtig, um die gegenwärtige Investitionsschwäche zu beenden. Gerade kleinere Unternehmen halten sich - nach einer aktuellen ifo Umfrage - derzeit mit neuen Investitionen extrem zurück. Im Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes Westdeutschlands dürften die Investitionen erstmals seit sieben Jahren wieder zurückgehen (um 2 %). In fast allen Branchen sind Kürzungen der Investitionsbudgets geplant. Dass der erwartete Rückgang nicht noch stärker ausfällt, ist auf die zum Teil noch rege Investitionstätigkeit einiger Großunternehmen zurückzuführen.
Neben der laufenden Tarifrunde erscheint den Unternehmen eine Senkung der Lohnnebenkosten als die geeignetste Maßnahme, um die Wirtschaftsdynamik zu erhöhen. Da dies kurzfristig aber schwierig sein dürfte, hat das ifo Institut vorgeschlagen, entweder die zweite Stufe der Steuerreform vorzuziehen oder befristet eine Investitionszulage gemäß dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz zu gewähren.
*) Gernot Nerb ist Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbefragungen im ifo Institut. Hans G. Russ ist wissenschaftlicher Referent mit Schwerpunkt Regionalentwicklung.
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